Leitartikel

Leichte Sprache. Selbstbestimmt leben

Wie verstehen Patient*innen mit Behinderung mich besser? Wie gestalte ich Formulare für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten? Und wie ermögliche ich beiden Selbstbestimmung und Teilhabe? Das und vieles mehr lernen Teilnehmende des gemeinsamen Webinars von ÄKBV, pro familia und dem Münchner Gesundheitsreferat mit Severina Laubinger vom Büro „textsicher“ am 17. Juni.
Die Prüfer*innen im Büro "textsicher" bei der Arbeit
Leichte Sprache. Selbstbestimmt leben

Foto: textsicher

Frau Laubinger, wie wird man Übersetzerin für leichte Sprache?

Ich habe Sprachtherapie und später dann Rhetorik studiert und darin promoviert. Die Rhetorik befasst sich damit, wie wir möglichst über-zeugend sprechen, und ich habe viele Rhetorik-Workshops für Politiker*innen und Führungskräfte gegeben. Vieles von dem, was Kommunikation für alle überzeugender macht, gilt genauso für die Leichte Sprache – zum Beispiel klare Strukturen oder Pausen in der gesprochenen Sprache. Menschen mit Lernbehinderungen sowie Lese- und Schreibschwierigkeiten können durch die Leichte Sprache Inhalte besser verstehen und teilhaben. 2022 haben wir in der Lebenshilfe Werkstatt München das Büro für Leichte Sprache „textsicher“ gegründet. Dafür habe ich die zertifizierte Ausbildung zur Übersetzerin für Leichte Sprache absolviert. Seitdem arbeite ich im inklusiven Team mit Menschen mit Behinderung zusammen, und wir bearbeiten unsere Auf-träge gemeinsam. Dabei sind auch neue Arbeitsplätze für Menschen mit geistiger Behinderung entstanden.

Was genau versteht man unter Leichter Sprache?

Ich kann nicht einfach einen Text schreiben und sagen: „das ist Leichte Sprache.“ Das Konzept wurde von einer Selbsthilfe-Organisation von Menschen mit Lernbehinderung namens „People first“ in den USA entwickelt und ist heute in vielen Ländern auf der ganzen Welt verbreitet. Das Konzept „Leichte Sprache“ ist geschützt und klar geregelt: Seit Kurzem gibt es eine DIN-Norm, die festlegt, welche Regeln erfüllt werden müssen. Dazu gehört zum Bei-spiel, dass Sätze kurz sind und am besten immer mit dem Subjekt anfangen, etwa: „Ich arbeite im Büro.“ Außerdem darf sich ein Text nur dann Leichte Sprache nennen, wenn er von Menschen aus der Zielgruppe auf Verständlichkeit geprüft wurde. Erst danach erhält er das offizielle Prüfsiegel von Inclusion Europe – ein blaues Logo mit einem Buch, einem Gesicht und einem Daumen (s. Abb.). Ein weiteres zentrales Kriterium sind Bilder, denn mit Bildern sind die meisten Sachverhalte anschaulicher und besser zu verstehen. Zu jedem Textabschnitt mit Leichter Sprache gehört auch ein geprüftes Bild, das extra für die Leichte Sprache entwickelt und gezeichnet wird. Ein Bild zum Thema „Vertrag unterschreiben“ zeigt etwa ein Blatt Papier und eine Hand, die gerade den Vertrag unter-schreibt.

Wie kann man sich das vorstellen? Wie einen Comic?

Es ist interessant, dass Sie das sagen. Sprechblasen zum Beispiel sind für Menschen mit Behinderung sehr schwer zu verstehen, denn sie verstehen diese nicht auf einer Metaebene, sondern direkt. Das Gleiche gilt für Metaphern und Symbole. Die von uns verwendeten Bilder sind aber keine Bilder für Kinder, sondern für Erwachsene – ohne Verniedlichung oder überflüssige Details, die nur ablenken. Hübsche Blümchen oder Wölkchen zum Beispiel brauchen wir nicht, dafür aber zum Beispiel Gesichtsausdrücke, auf denen man sieht: Was fühlt die Person? Gab es vielleicht einen Streit? Oder freut sich jemand? Wir haben bei „Textsicher“ einen eigenen Bilderkatalog entwickelt.

Warum ist Leichte Sprache besonders im Gesundheitsbereich so wichtig?

Die Verwendung von Leichter Sprache ist gesetzlich vorgeschrieben, unter anderem im Bundesteilhabegesetz. Öffentliche Stellen, aber auch z.B. private Anbieter von Webseiten für die Öffentlichkeit, sind verpflichtet, ihre Inhalte und Informationen verständlich darzustellen. Gerade im medizinischen Bereich ist das besonders relevant. Es ist wichtig, dass das medizinische Personal mit seinen Patient*innen auch in Leichter Sprache kommunizieren kann, damit diese das Personal versteht. Das ermöglicht den Patient*innen Teilhabe und Selbststän-digkeit. Zur Vorbereitung auf dieses Webinar hatte ich erst vor Kurzem ein Gespräch mit meinem Team. Einige sagten: „Ich würde niemals allein zum Arzt gehen, denn da verstehe ich ja nichts“. Andere erwiderten: „Natürlich will ich alleine zum Arzt gehen“. Je mehr die Leichte Sprache sowohl gesprochen als auch geschrieben wird, desto weniger Menschen brauchen jemanden, der immer für sie übersetzt. Sie können sich dann selbstständig im öffentlichen Nahverkehr bewegen, ins Museum gehen oder eben auch zum Arzt oder zur Ärztin.

Hat Ihr Team auch Geschichten aus eigener Erfahrung erzählt?

Ja, ich denke da zum Beispiel an unsere Prüferin. Sie traut sich nicht, ohne ihre Mutter zum Arzt zu gehen, weil sie denkt, dass sie dann nichts versteht. Sie ist aber eine erwachsene Frau. Sie will und kann, auch ganz praktisch gesehen, nicht ihr Leben lang mit ihrer Mutter zum Arzt gehen. Ein weiteres großes Thema sind Beipackzettel: Niemand in meinem Team kann Beipackzettel lesen und selbstständig mit einem Medikament umgehen. Das ist ja auch für uns, die wir mit schwerer Sprache durch den Alltag kommen, oft eine Herausforderung. Betreuungsbedarf ist aber immer auch ein Kostenfaktor. Je mehr Menschen im Alltag selbstständig zurechtkommen, desto günstiger wird es für die Allgemeinheit. Dies gilt übrigens auch für ältere Menschen. Wir werden künftig immer mehr Ältere haben, und auch für sie brauchen wir eine gute Struktur, damit sie ihre Medikamente selbstständig nehmen können. Ich bin mir sicher, wir werden im Webinar von vielen Ärztinnen und Ärzten hören, wie viel Zeit sie dieses Thema kostet – wieviel Betreuung und zusätzliche Beratung. Wenn ich den Menschen einen kleinen Handzettel in Leichter Sprache in die Hand drücken kann, dann kommen wahrscheinlich weniger Rückfragen. Zusammengefasst hilft Leichte Sprache dabei, das Wesentliche in kurzer Zeit klar zu vermitteln – und spart damit sogar Zeit im Praxisalltag.

Welche Zielgruppen profitieren von Leichter Sprache?

Man unterscheidet zwischen Leichter Sprache (etwa A1/A2-Niveau) und Einfacher Sprache (etwa B1), bei der es zum Beispiel auch mal Nebensätze geben darf. Leichte Sprache richtet sich vor allem an Menschen mit Lern- oder geistiger Behinderung. Einfache Sprache erreicht darüber hinaus auch ältere Menschen, Menschen mit noch nicht so fortgeschrittener Demenz, mit Migrationshintergrund oder geringer Schreib-und Lesekompetenz. Es gab eine spannende Studie (s. QR-Codes), die zeigte, dass nur unter 10 Prozent der Bevölkerung Texte auf C1- oder C2-Niveau – wie etwa Behördensprache – verstehen. Die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung versteht diese also nicht, und verständliche Sprache ist daher auch kein Nischenthema, sondern betrifft sehr viele Menschen. Und es gibt hier ein großes Dunkelfeld. Viele Menschen schämen sich dafür und versuchen, zu verdecken, dass sie mit schwerer Sprache nicht zurechtkommen.

Was lernen Ärztinnen und Ärzte im Webinar?

Zunächst geht es darum, das Konzept der Leichten Sprache kennenzulernen und ein Bewusstsein für die Bedürfnisse der Zielgruppe zu entwickeln. Anschließend vermitteln wir praktische Regeln, etwa die „zehn goldenen Regeln“ der Leichten Sprache, die man schon am nächsten Tag in der Praxis oder Klinik umsetzen kann. Besonders intensiv beschäftigen wir uns mit der gesprochenen Leichten Sprache, weil das direkte Gespräch im Alltag so wichtig ist. Und wir üben auch gemeinsam, Gespräche zu führen. Mittlerweile gibt es zudem sehr viele gute Infobroschüren in Leichter Sprache, die je nach Fachgebiet teilweise sogar kostenlos online zu finden sind. Manchmal hilft es schon, den Patient*innen gutes Infomaterial an die Hand zu geben.

Wie profitieren Ärztinnen und Ärzte vom Webinar?

Als Patient*in will ich nicht nach dem Arzttermin aus dem Behandlungszimmer herausgehen und nur Fragezeichen im Kopf haben. Sondern ich will ganz genau verstehen: Was habe ich für eine Erkrankung, und was muss ich jetzt machen? Die richtige Kommunikation wollen wir praktisch üben. Ich muss über mein Gegenüber nachdenken: Die Ärztin oder der Arzt mit sehr viel Fachwissen trifft auf eine Person mit Lernbehinderung, die zu dem Thema gar kein Wissen hat. Aber Leichte oder Einfache Sprache ist auch Übungssache: Wie kann ich die Fachbegriffe, die für mich in meinem täglichen Arbeiten ganz selbstverständlich sind, knapp und prägnant erklären? Das Webinar soll auch dazu dienen, Ideen und Freude an Veränderung zu entwickeln. Vielleicht kann ich einiges auf meiner Internetseite in Leichte Sprache umsetzen, und plötzlich klappt vieles besser. Viel-leicht können wir Formulare anders formulieren, wenn diese immer falsch ausgefüllt werden – oder anderweitig umstrukturieren. Ich bin mir sicher, dass die Ärztinnen und Ärzte mit dem Wissen aus dem Webinar plötzlich Hürden erkennen, die ihnen bisher nicht aufgefallen sind. Unser Webinar soll helfen, solche Stolperstellen im eigenen All-tag zu erkennen und abzubauen – egal ob in Klinik oder Praxis.

An wen richtet sich das Webinar, und warum lohnt es sich?

Es richtet sich an das gesamte medizinische Fachpersonal, also an Ärzt*innen, MFA, Pflegekräfte oder Physiotherapeut*innen – also an alle, die Patientenkontakt haben. Natürlich bleibt alles, was die medizinische Forschung und den medizinischen Fachdiskurs angeht, von Leichter Sprache unberührt. Unser Ziel ist es am Ende, besser verstanden zu werden. Wenn Patientinnen und Patienten von Anfang an gut informiert sind, verlaufen Untersuchungen und Behandlungen erfolgreicher. Denn natürlich will ich als Patient*in über meinen Körper Bescheid wissen und verstehen was mit mir passiert – egal, ob ich eine Operation bekomme oder ein bestimmtes Medikament nehmen soll. Stellen Sie sich vor, es tritt Ihnen jemand in einer fremden Sprache gegenüber und will plötzlich, dass Sie Ihren Pullover ausziehen. Das führt natürlich zu Widerstand und Unwohlsein. Leichte Sprache trägt dazu bei, Selbstbestimmung zu stärken, Vertrauen aufzubauen und bessere Behandlungsergebnisse zu erzielen. Davon profitieren beide Seiten: die Patient*innen ebenso wie das medizinische Personal.

Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA 09/2026 vom 02.05.2026

 

Mehr