Einschränkungen bei Kindern mit Hemiparese. Weggezaubert
Foto: LMU Klinikum
Frau Bonfert, Frau Sitzberger, war-um hilft Zaubern Kindern mit Hemiparese?
Sitzberger: Das Zaubern als Therapieform haben wir nicht erfunden, es wird unter anderem schon länger in England angewendet. Dort gibt es das erfolgreiche „Breathe Magic Intensive Therapy Programme“. Das Besondere am Zaubern ist, dass die Kinder gar nicht merken, dass sie Therapie machen: Sie lernen Zaubertricks und verbessern dabei ganz nebenbei ihre Hand- und Armmotorik. Gerade für Kinder, die seit dem Kleinkindalter in Therapie sind, ist das hoch motivierend. Außerdem können wir dabei viele Materialien aus dem Alltag nutzen, z.B. das Haargummi. Es gibt viele Tricks, bei denen man ein Haargummi genauso auseinanderziehen muss wie beim Zöpfemachen oder -flechten. Zudem lernen die Kinder, etwas zu präsentieren. Sie stehen auf einer Bühne, führen ihren Trick vor, blühen dabei richtig auf und sind stolz. Auf einmal können sie etwas, was ihre gesunde Peergroup nicht kann.
Bei Magic Moves, dem ersten Projekt aus dem Jahr 2024, sind Sie zum Zaubern mit den Kindern und den Ehrlich Brothers drei Wochen lang auf die Burg Rabenstein gefahren. Wie haben Sie die Kinder dafür ausgewählt?
Bonfert: Damals war die Therapie eng auf Kinder mit Hemiparese beziehungsweise unilateraler Cerebralparese zugeschnitten. Am Projekt auf der Burg konnten Kinder zwischen acht und 14 Jahren, mit ausreichender Hand- und Armfunktion auf der betroffenen Seite, Motivation, Lust aufs Zaubern und der Fähigkeit, die Konzentration über längere Zeit zu halten, teilnehmen. Denn das Camp war intensiv: zwei Wochen Therapie über mehrere Stunden am Tag hinweg. Für die Kinder war das ein Marathon. Es war aber toll zu sehen, wie sie in diese Zauberwelt eingetaucht sind, wie begeistert sie waren. Sogar in den Pausen, morgens und abends haben sie weiter-gezaubert. Für das jetzige ambulante Konzept, das Projekt Zabracadabra, haben wir den Fokus weiterhin auf Kinder mit Halbseitenlähmung gelegt, es aber auch für Kinder mit bilateraler Cerebralparese geöffnet. Denn auch sie profitieren davon, die Abstimmung beider Hände und die Feinmotorik intensiv zu trainieren.
Sitzberger: Bei Zabracadabra trifft sich die Gruppe einmal pro Woche für dreieinhalb Stunden, über drei Monate hinweg, dann weitere drei Monate einmal monatlich und abschließend zu einem Wochenendworkshop. Auch dort achten wir darauf, dass Alter, Geschlechterverhältnis und Interessen möglichst gut zusammenpassen. Bei Zabracadabra behandeln wir bereits die dritte Gruppe von Kindern, gemeinsam mit Zauber*innen der Zauberakademie Deutschland und unter der Schirmherrschaft der Ehrlich Brothers. Im Januar 2027 planen wir eine große Zaubershow mit allen Kindern aus allen Gruppen.
Was passiert beim Zaubertraining im Kopf?
Bonfert: Wir arbeiten mit vier Therapiebausteinen: alltagsorientiertem ergotherapeutischem Training, Neurostimulation, Gruppenaktivitäten mit hohem Beidhandfokus und eben Zaubertraining. Gemeinsam mit den Kindern legen wir vor Therapiebeginn mehrere alltagsrelevante Ziele fest: Was soll leichter werden, damit du im Alltag unabhängiger wirst und besser teilhaben kannst? Bei der Neurostimulation unterstützen wir Muskeln, die nicht gut selektiv angesteuert werden können. Dadurch können die Bewegungen im Gehirn besser „hinterlegt“ werden. Hinzu kommen Gruppenaktivitäten – etwa Snacks zubereiten, Bühnenbild und -outfits gestalten oder Bewegungsspiele. Alle Therapiebausteine zusammen führen dazu, dass die Kinder in kurzer Zeit beide Hände sehr häufig einsetzen und so Bewegungsabläufe intensiv üben. Ich denke da zum Beispiel an Leopold aus Magic Moves: Er sollte lernen, Handschuhe anzuziehen, hatte aber Schwierigkeiten, Handgelenk und Finger gleichzeitig zu strecken. Genau diese Bewegung haben wir durch die Therapien angebahnt und geübt.
Sitzberger: Wenn ich z.B. einen Joghurtbecher öffne, mache ich das reflexartig. Für die Kinder ist das aber oft viel komplexer. Im Camp lernen sie, solche Alltagshandlungen in Einzelschritte zu zerlegen und später auch neue Ziele selbst so anzugehen.
Wie schnell kommt es zu Verbesserungen?
Bonfert: Bei Magic Moves haben wir schon innerhalb der zweiwöchigen Camp-Phase deutliche Verbesserungen bei den Alltagszielen gesehen, die oft sogar „übererfüllt“ wurden. Auch unsere Fragebögen zeigten, dass die betroffene Hand im Alltag häufiger eingesetzt wurde und die Kinder weniger Unterstützung von anderen benötigten. In der MRT-Bildgebung sahen wir nach drei Monaten Veränderungen, die dazu passen, z.B. in sog. sensomotorischen Netzwerken und auch in weiteren Bereichen z.B. für Bewegungsplanung. Die Kinder haben insgesamt nachhaltig vom Camp profitiert.
Wie wirksam ist dies im Vergleich mit anderen Methoden?
Bonfert: Ein direkter Vergleich mit anderen Methoden ist derzeit noch schwer, weil dafür eine randomisierte kontrollierte Studie mit homogenen Gruppen und ausreichender Fallzahl nötig wäre. Aus der vorhandenen Evidenz wissen wir aber, dass intensive beidhändige Trainingsprogramme für Kinder mit Hemiparese sehr wirksam sind. Für das britische Zauberprojekt gibt es positive Daten, und auch eine aktuellere Übersichtsarbeit zeigt, dass solche Programme wirksam sein können.
Sitzberger: Grundsätzlich weiß man, dass aktives Training in Ergo- und Physiotherapie deutlich effektiver ist als passives Training.
Lassen sich die Erfolge langfristig halten?
Sitzberger: Bei einer Untersuchung ein Jahr nach Magic Moves zeigte sich, dass sich die Erfolge im Alltag gehalten hatten. Viele Kinder nutzen. die erlernten Fähigkeiten sehr häufig bis ständig im Alltag und arbeiten jetzt an neuen Zielen, deren Abläufe sie wieder wie beim Lernen von Zaubertricks in ihre Einzelbestandteile aufdröseln.
Bonfert: Das übergeordnete Ziel der Therapien war und ist Teilhabefähigkeit, also dass Kinder möglichst alles so machen können wie Gleichaltrige und möglichst unabhängig sind von Erwachsenen. Für uns war es das schönste Ergebnis, dass das Selbstwertgefühl durch das hochintensive Training und die gewonnenen Fähigkeiten deutlich zugenommen hat und sich hält. Für viele war das wie ein Booster, motorisch und mental: Manche trauten sich plötzlich eine Sprachreise, einen Schwimmkurs oder ein Referat vor der Klasse zu. Hinzu kommt der Gruppeneffekt. Für viele Kinder ist es etwas ganz Besonderes, Gleichaltrige mit ähnlichen Erfahrungen zu treffen und sich auf Augenhöhe über Erfolge, aber auch über schwierige Erfahrungen wie Ausgrenzung auszutauschen.
Gab oder gibt es auch Herausforderungen?
Sitzberger: Ja, das Projekt ist sehr ressourcenintensiv und wird bislang nicht in dieser Form von den Krankenkassen refinanziert. Der Personalaufwand ist hoch, und es gibt noch zu wenig Ergotherapeut*innen, die so alltagsorientiert und zusätzlich mit Neurostimulation arbeiten. Wir würden das Konzept gerne auch in andere Städte in Deutschland bringen, weil die Versorgung vielerorts nicht gesichert ist. Die Frage, die uns beschäftigt, ist: Wie gelingt eine möglichst weitreichende Verbreitung unter einer adäquaten Ressourcendeckung?
Bonfert: Wir spüren ein hohes Interesse an unserem Projekt. Deshalb planen wir zukünftig ein entsprechendes Fortbildungsmodul für interessierte Kolleg*innen in SPZs, Praxen und Rehabilitationskliniken anzubieten. Eine weitere Besonderheit ist die enge multiprofessionelle Zusammenarbeit mit den Zauberern. Vor dem Start jeder Gruppe machen wir Workshops mit dem gesamten Team: Welche Kinder sind in der Gruppe, welche Besonderheiten bringen sie mit, was sind ihre Ziele, und welcher Trick passt zu wem? Die Tricks müssen so angepasst werden, dass sie motivieren, ohne zu frustrieren. Das ist zeit- und gedankenintensiv, aber zentral für das Gelingen.
Jetzt gibt es ja auch noch ein Segelprojekt – das Projekt For2na.
Bonfert: Das Segelprojekt entstand, nachdem eine Betreuerin vom Segelschiff Fortuna auf uns zukam. Besonders für Jugendliche ab zwölf Jahren fanden wir die Idee stark, weil dann Themen wie Unabhängigkeit, Therapiemüdigkeit und Krankheitsverarbeitung noch einmal anders im Vordergrund stehen. Geplant ist zunächst eine Woche intensives Training an Land mit alltagsnahen Zielen – etwa An- und Auskleiden mit Regenkleidung und Schwimmweste oder Selbstorganisation auf engem Raum. Hinzu kommen Gleichgewichtstraining, Gruppenaktivitäten und echtes Segeltraining. Die Jugendlichen lernen an Land die Basics und gehen danach für eine Woche auf das Segelschiff Fortuna, wo sie täglich konkrete Auf-gaben übernehmen – vom aktiven Segeln bis zum Küchendienst. Unter-stützt werden sie dabei durch unsere Teammitglieder. Ziel ist aber, dass sie so viel wie möglich selbst schaffen.
Können noch weitere Kinder in diese Projekte aufgenommen werden, und was muss man dafür tun?
Sitzberger: Beim Segelcamp steht die Crew für dieses Jahr bereits fest. Zabracadabra ist dagegen ein fortlaufendes Projekt mit drei bis vier Gruppen pro Jahr und jeweils vier bis fünf Kindern. Teilnehmen können Kinder und Jugendliche von der ersten Klasse bis 18 Jahre mit einseitiger oder beidseitiger Bewegungsstörung, ausreichenden kognitiven Voraussetzungen und genügend Aufmerksamkeit. Sie müssen nicht zwingend schon bei uns im iSPZ betreut sein, aber während der Teilnahme sollten sie wegen der Vor- und Nachuntersuchungen hier angebunden sein. Interessierte Familien melden sich am besten über die Kontakte auf der Homepage bei uns.
Bonfert: Wir möchten zum Schluss ganz herzlich unseren Patient*innen und ihren Familien für ihr Vertrauen danken. Daneben bedanken wir uns ganz besonders bei den Unterstützer*innen, die die Durchführung der Projekte überhaupt erst möglich machen: dem Hauner Verein e.V., dem Lions Club Bavaria, der Merkur Privatbank, dem Sparkassenverband Bayern und den Ehrlich Brothers.
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 12/2026 vom 13.06.2026