Leitartikel

Health Literacy. Wie bleibe ich gesund?

Dr. Google, Youtube und künstliche Intelligenz – viele Patient*innen suchen sich ihre Gesundheitsinformationen selbst. Und doch sind die Zahlen zu ihrer tatsächlichen Gesundheitskompetenz alarmierend niedrig. Mit dem Erziehungswissenschaftler und Health-Literacy-Experten Prof. Dr. Orkan Okan sprachen die MÄA über Ursachen und mögliche Lösungen.
Health Literacy. Wie bleibe ich gesund?
Health Literacy. Wie bleibe ich gesund?

Foto: Shutterstock

Herr Prof. Okan, wie definieren Sie Gesundheitskompetenz?

Es gibt nicht die eine Kompetenz, durch die Sie gesund werden. Sie müssen sich Gesundheit wie einen Werkzeugkasten mit vielen verschiedenen Werkzeugen vorstellen. Darin liegen z.B. Wissen, Coping, Resilienz, andere kognitive, soziale und emotionale Kompetenzen, Selbstbestimmung, Empowerment, Partizipation, Gesundheitskompetenz und Verhalten. Gesundheitskompetenz, so wie wir sie untersuchen, ist der selbst empfundene Umgang mit Gesundheitsinformationen. Es geht um die Fähigkeit, Informationen zur Gesundheit zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und in Entscheidungen für die eigene oder die Gesundheit anderer anzuwenden – und zwar in den Bereichen Prävention, Gesundheitsförderung und Versorgung. Der Umgang mit Informationen steht also im Vordergrund.

Einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2024 zufolge, ist es um diese Kompetenz in Deutschland nicht besonders gut bestellt.

Das ist richtig und auch etwas er-schreckend. Dem RKI zufolge verfügen mehr als 80 Prozent der deutschen Bevölkerung – also acht von zehn Erwachsenen – über eine geringe Gesundheitskompetenz. Dies deckt sich mit den Zahlen unserer eigenen Erhebung, bei der wir bei 76 Prozent lagen. Das RKI und auch wir haben den gleichen Kurzfragebogen aus 12 Fragen verwendet, den HLS19-Q12. Seit 2012 wird Gesundheitskompetenz mit den HLS-Fragebögen erhoben. Wenn man sich diese Erhebungen im Zeitverlauf bis heute anschaut, sieht man: Gesundheits-kompetentes Verhalten scheint den Menschen in den vergangenen Jahren immer schwerer zu fallen – entweder ist das System zu kompliziert, die Kompetenzen nicht ausgeprägt oder eine Mischung aus beidem.

Besonders deutlich wird das bei besonderen Formen von Gesundheitskompetenz. Erstmalig haben wir 2024 auch gefragt: Wie einfach oder schwer fällt es Ihnen, Informationen speziell zur psychischen Gesundheit zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden? Dabei zeigte sich, dass über 86 Prozent der Erwachsenen in Deutschland eine geringe psychische Gesundheitskompetenz haben. Auch die digitale Gesundheitskompetenz ist relativ schlecht. Das heißt: In Bereichen, die in den vergangenen Jahren noch nicht so stark im Blick waren, sind die Schwierigkeiten besonders groß.

Bedeutet das Ergebnis „geringe Gesundheitskompetenz“ bei Ihren Befragungen automatisch, dass die Menschen tatsächlich wenig kompetent sind?

Nein, das Gesundheitskompetenzmodell, mit dem wir arbeiten, ist ein relationales Modell. Die persönliche Gesundheitskompetenz steht bei uns in Relation zu den Anforderungen des Systems: Unsere Fragebögen messen nicht die Kompetenz selbst, sondern einen Indikator mit zwei „Seiten“ bzw. Interpretationsmöglichkeiten. Wenn jemand z.B. sagt: „Mir fällt es schwer, Gesundheitsinformationen zu finden“, kann das bedeuten, dass die eigene Kompetenz oder das Zutrauen in diese Kompetenz nicht ausreichen. Es kann aber ebenso bedeuten, dass ich bei der Suche nach Informationen im Internet oder bei Ärzt*innen einfach keine Antwort finde, dass es sich also um Schwierigkeiten mit dem System handelt.

Im Internet beispielsweise gibt es zu viele Informationen. Nicht immer weiß man, welche richtig oder falsch sind und welche auf mich überhaupt zutreffen. Dann kommt man auch mit gut ausgebildeten Kompetenzen nicht weiter. Deshalb sage ich zu den Ergebnissen präziser: Der Indikator Gesundheitskompetenz ist niedrig ausgeprägt. Was konkret der Grund dafür ist, müssen Folgeuntersuchungen zeigen. Erst dann können wir konkret entscheiden, ob wir mehr Bildungsmaßnahmen für die Patient*innen brauchen oder am System schrauben müssen, z.B. an der Infrastruktur der Versorgung, der Verfügbarkeit oder der Fachkräfteausbildung – oder auch beides.

Während der Corona-Pandemie war die Gesundheitskompetenz laut Ihren Befragungen offenbar besser. Warum?

Das stimmt im Hinblick auf die Gesundheitskompetenz speziell zum Thema Corona. Diese war 2020 und 2021 in Deutschland, Österreich und der Schweiz deutlich besser als die allgemeine, psychische oder digitale Gesundheitskompetenz. Kein Wunder: Das Thema war 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in den Medien, und die Botschaften waren relativ einfach: Maske tragen, Fenster öffnen, Abstand halten, in die Arm-beuge niesen. Diese Botschaften wurden ständig wiederholt. Das zeigt: Wenn die gesamte Gesellschaft dar-auf ausgerichtet ist, fällt es den Menschen weniger schwer, die richtigen Informationen zu finden. Die Systemseite – die Rahmenbedingungen, die Politik, das Informationsökosystem und die digitalen Welten – sind also sehr wichtig.

Wir leben in einer Kommunikations-und Informationsgesellschaft: Die Menschen müssen sich mit dem Internet, sozialen Medien und der künstlichen Intelligenz auseinander-setzen. Deshalb müssen wir sowohl in die menschliche Fähigkeit zum Umgang mit Informationen investieren als auch in die Infrastruktur, die Informationen zur Verfügung stellt – zum Beispiel in der Schule, aber auch im Gesundheitssystem selbst.

Was folgt daraus für Schule und Familie?

Kinder sollten früh, idealerweise schon in der Schule, lernen: Was ist Information? Was ist Informationsintegrität, also wie erkenne ich falsche und richtige Informationen, wie unterscheide ich sie von einander? Wo stehen politische oder kommerzielle Interessen hinter den Informationen? Wie erkennt man, ob etwas evidenzbasiert ist? Warum ist Wissenschaft wichtig? Natürlich müssen wir die Familien mit an Bord nehmen, weil Kinder zuerst in der Familie sozialisiert werden, aber auch die Schule und die Medien. In der Schule brauchen wir Lehrkräfte, die für gesundheitliche Themen sensibilisiert sind und fortgebildet werden. Unsere Studien zeigen: Wenn die Schulleitung eine hohe Gesundheitskompetenz hat, holt sie signifikant häufiger Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung an die Schule. Für das Bundesgesundheitsministerium und das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention (StMGP) haben wir deshalb den Ansatz der gesundheitskompetenten Schule entwickelt, für Bayern auch den der gesundheitskompetenten Kita.

Die Ärzteschaft fordert immer wie-der ein Schulfach Gesundheit. Würde das helfen?

Auf dem Papier ja. Aber man muss von den realen Bedingungen ausgehen: Wir haben aktuell eine Unterfinanzierung, Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, fehlende Zeit. Wenn man ein neues Fach fordert, muss man zugleich sagen, was das bedeutet und was es kostet. Gleich-zeitig zeigt die Evidenz allerdings: Gesundheit und Bildung hängen eng zusammen. Wenn Kinder eine hohe Gesundheitskompetenz haben, zeigen sie häufig auch ein besseres Gesundheitsverhalten, dadurch einen besseren Gesundheitsstatus und dadurch bessere bildungsbezogene Ergebnisse. Sie fehlen weniger, haben bessere Noten und bessere Abschlüsse. Umgekehrt führt mehr Bildung zu besserer Gesundheit, besseren Berufschancen, höherem Einkommen und mehr Möglichkeiten, in sich selbst und die Familie zu investieren.

Was können die Schulen mit den vorhandenen Mitteln ausrichten?

Mein Ansatz ist: nicht dort, wo keine Ressourcen und Strukturen existieren, auf Biegen und Brechen versuchen, neue herzustellen, sondern zu schauen: Was wird bereits gemacht, und wie kann man das nutzen? Die Schule hat einen Bildungsauftrag, und in den Lehrplänen gibt es bereits Bezüge zur Gesundheit.

In den deutschen Lehrplänen gibt es z.B. das Bildungsziel „digitale Bildung“. Hier in Bayern heißt es „Medienbildung“. Im bayerischen Lehrplan ist ein „Kompetenzrahmen zur Medienbildung an bayerischen Schulen“ vorgesehen, der ähnliche Kompetenzen umfasst, wie sie für Gesundheitskompetenz gebraucht werden, nämlich Informationen finden, verstehen, beurteilen und anwenden. Auch dort geht es um Kommunikation, kritisches Reflektieren, den Umgang mit digitalen Plattformen und Algorithmen. Wir haben diesen „Kompetenzrahmen“ genutzt und gesundheitliche Übungen dazu entwickelt. Wir müssen also gar nicht unbedingt etwas Neues einführen, sondern einfach nur schauen: Wo werden die Themen adressiert, die wir auch zur Gesundheitskompetenz adressieren wollen?

Könnte mehr Gesundheitskompetenz die Zahl der unnötigen Arztbesuche senken?

Dazu gibt es Studien, aber keine sichtbaren klaren kausalen Zusammenhänge. Es könnte sogar sein, dass Menschen mit höherer Gesundheitskompetenz häufiger zur Ärztin oder zum Arzt gehen, weil sie mehr wissen, sich spezialisierter austauschen und verschiedene Meinungen einholen. Die Frage ist aber: Sollen die Menschen das Gesundheitssystem wirklich weniger nutzen, damit es uns weniger kostet? Als Gesellschaft müssen wir doch auch unsere ethischen, sozialen und gesellschaftliche Ziele im Auge haben und brauchen daher vor allem einen Mechanismus, um unser Gesundheitssystem zu prüfen und gerecht zu gestalten.

Ich glaube, wir können die Gesundheitskosten wirksam senken, indem wir an vielen Stellschrauben des Systems drehen. Wenn Menschen im Krankenhaus z.B. erst überall herum-laufen und fragen müssen, wo sei hinmüssen und deshalb zu spät zur Behandlung kommen und die Geräte stillstehen, könnte man die Navigation und Beschriftung der Schilder im Krankenhaus ändern, z.B. mit Piktogrammen und Grafiken. Das kostet vielleicht zunächst ein paar tausend Euro, spart am Ende aber viel Zeit und Geld.

Was können Ärztinnen und Ärzte tun? Was können wir allgemein tun, um das Gesundheitssystem zu verbessern?

Viele Prinzipien gibt es schon lange: einfache Sprache benutzen, Fachtermini vermeiden, keine lateinischen Fachbegriffe verwenden, denn die versteht niemand. Helfen kann auch das Prinzip des „Teach-back“: Patient*innen erklären in eigenen Worten noch einmal, was die Ärztin oder der Arzt gesagt hat. Die Möglichkeit, Begleitpersonen mitzubringen, die informierte Fragen stellen können, kann Zeit sparen. Und es braucht verständliche, anschauliche Materialien in verschiedenen Sprachen und verschiedenen Formaten – Print, digital, Bilder, kleine Filme. Standardmaßnahmen wären, Barrieren abzubauen und die etwa in den Krankenhäusern arbeitenden Menschen für unterschiedliche Zielgruppen zu sensibilisieren.

Ebenso wichtig ist es, die Menschen im System zu entlasten. Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und medizinische Fachangestellte sind oft stark belastet und gestresst. Hier muss man überlegen: Warum ist das so, und was können wir zu ihrer Entlastung tun? Wie können wir ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen verändern? Bereitschaftsdienste, Doppelschichten, Hierarchien, Konflikte zwischen Berufsgruppen – all dies wirkt darauf ein, wie sich jemand fühlt und die Patient*innen versorgt.

Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA 15/2026 vom 25.07.2026