Leitartikel

Ebola in Bayern? Wären wir vorbereitet?

Eine der schwersten Ebola-Epidemien überhaupt mit mehreren tausend Toten grassiert derzeit in der Demokratischen Republik Kongo. Droht eine erneute Pandemie? Wie können wir uns hier für Fälle rüsten? Und was würde mit Erkrankten in Bayern passieren? Die MÄA sprachen mit Dr. Wolfgang Guggemos, Leiter der seit März frisch renovierten Sonderisolierstation an der München Klinik Schwabing.

Foto: Klaus Krischok/ München Klinik

Herr Dr. Guggemos, wie gefährlich ist Ebola aus Ihrer Sicht aktuell – und welches Pandemiepotenzial hat es?

Das Virus ist ein Erreger der Risikogruppe 4 und daher eine ernst zu nehmende Infektionserkrankung. Das heißt, es besteht ein erhebliches Risiko für Beschäftigte im Gesundheitswesen und inzwischen auch für die Bevölkerung in den betroffenen Ländern. Denn eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist möglich. Für das aktuell in der Demokratischen Republik Kongo aufgetretene Bundibugyo-Virus gibt es keine etablierte kausale Therapie beziehungsweise Prophylaxe, keine Impfung und eine hohe Mortalität.

Studien zu monoklonalen Antikörpern, wie sie beim Zaire-Stamm eingesetzt werden, und zu antiviralen Substanzen wie Remdesivir laufen beziehungsweise beginnen, aber eine Impfung ist derzeit nicht in Sicht. Das Virus ist im Kongo auch zunächst trotz PCR-Tests nicht erkannt worden, weil viele Patient*innen zunächst falsch negativ getestet wurden.

Dennoch halte ich das Risiko für eine Pandemie hier in Mitteleuropa für praktisch auszuschließen. Realistisch ist eher das Szenario eines Einzelfalls – etwa eines erkrankten deutschen Health-Care-Workers, z.B. von Ärzte ohne Grenzen, der nach Hause zurückgeholt wird oder eines Patienten, der unerkannt ausreist. Mit Influenza oder der Corona-Pandemie ist das aber nicht zu vergleichen, weil die Übertragungswege völlig andere sind.

Soweit ich weiß, wird Ebola vor allem über Blut und Körperflüssigkeiten übertragen. Das ist richtig: über Blut, Körperflüssigkeiten, Sekrete und direkten Körperkontakt. Diese Voraussetzungen haben wir hier in der Regel nicht. Natürlich kann es passieren, dass jemand mit einer unerkannten Infektion in der Nothilfe im Krankenhaus landet und dann in den ersten ein, zwei Tagen im Krankenhaus eine gewisse Gefahr für das dortige Personal darstellt. Aber das ist kein pandemisches Szenario. In der Medizin haben wir bei jeder Infektionserkrankung eine kritische Phase, bis die Diagnose gestellt ist.

Haben wir in Deutschland genügend Schutzanzüge?

In Deutschland gibt es über die Republik verteilt sieben Sonderisolierstationen (SIS), die über eine entsprechende Schutzausrüstung verfügen und sich solcher Einzelfälle annehmen können. Allein bei uns als Bayerischem Behandlungszentrum sind rund 1.500 bis 2.000 Schutzanzüge eingelagert. Für eine Epidemie würde das natürlich nicht reichen – aber mit einer solchen rechnen wir in Mitteleuropa auch nicht. Die Sonderisolierstationen sind zudem sehr gut vernetzt und arbeiten seit Jahren eng zusammen. Schutzmaterial kann z.B. über Nacht in eine andere SIS transferiert werden, und im Ernstfall gilt das auch für Personal. Für Einzelfälle sind wir also gerüstet. Das gilt auch für andere hämorrhagische Fieberviren wie das auf dem Balkan epidemische Krim-Kongo-Virus oder das aus Westafrika stammende Lassa-Fieber.

Was würde passieren, wenn in Deutschland ein Ebola-Fall auftreten würde?

Ein angekündigter Fall – etwa ein Arzt, der im Kongo tätig war, erkrankt ist und gezielt nach Deutschland ausgeflogen wird – ist zwar aufwändig, aber unspektakulär, weil gut planbar. Wir hatten gerade den Fall eines amerikanischen Kollegen, der in die Charité verlegt wurde. Man konnte den Patienten direkt am Flughafen mit voller Schutzausrüstung in Empfang nehmen und in die Sonderisolierstation einschleusen. Schwieriger sind zufällig auftretende Ereignisse. Dieses Szenario fürchte ich viel mehr. Wenn man überhaupt auf die Idee eines Stufe-4-Erregers kommt und dann das Wort Ebola fällt, fürchte ich eine Reaktion wie beim Kaninchen vor der Schlange: Schockstarre. Diese Fälle könnten ja irgendwo im Land auftreten – und ich fürchte, dass dann dort die Medizin zum Stillstand kommt.

Der Freistaat und auch wir fordern daher jede Klinik dazu auf, sich so vorzubereiten, dass sie einen Verdachtsfall mindestens 24 Stunden in den eigenen Räumlichkeiten versorgen kann. Denn unsere Sonderisolierstationen laufen nicht im Routine-betrieb und müssten erst hochgefahren werden. Bayern ist ein Flächenstaat: Eine Patientin etwa aus Nordbayern müssten wir erst in einem aufwändigen Prozess mit einem Konvoi der Berufsfeuerwehr holen. Und vorher muss der Ver-dacht erst mit den Gesundheitsbehörden und der Task Force Infektiologie geklärt werden. Dafür bräuchten wir bestimmt einen Tag. Und in dieser Zeit muss der kranke Mensch versorgt werden.

Wie sollte sich eine Klinik in der Zwischenzeit verhalten?

Schon mit einfachen Schutzmaßnahmen kann man sehr viel erreichen: mit Schutzkitteln, FFP-Masken, Augenschutz und Handschuhen. Ärzte ohne Grenzen macht das unter ein-fachen Bedingungen in Afrika vor. Auf einer Sonderisolierstation schützen wir uns später anders und behandeln anders, weil dort Intensivmedizin und Best Supportive Care auf hohem Niveau möglich sind und wir natürlich ganz anders ausgestattet sind: mit eigener Luftversorgung, Luftfilterung und Dekontamination. Aber in der ersten Phase darf die Versorgung nicht zum Stillstand kommen.

Es macht mir tatsächlich Sorgen, dass ein Patient mit einer viel wahrscheinlicheren Erkrankung – etwa Sepsis oder Malaria – zwölf Stunden unbehandelt liegen bleiben könnte, weil das Wort Ebola im Raum steht. Es gibt den alten Satz in der Medizin: Häufiges ist häufig, Seltenes ist selten.

Was sollte eine niedergelassene Ärztin tun, wenn ein Patient aus der Demokratischen Republik Kongo mit Fieber in die Sprechstunde kommt?

Die Regionen im Kongo, in denen es aktuell Ausbrüche gibt, sind schwer zugänglich, touristisch praktisch nicht relevant und von Unsicherheit, Milizen und schwierigen Versorgungsbedingungen geprägt. Dass Tourist*innen aus dieser Region bei uns beim Hausarzt auftauchen, halte ich aktuell für nahezu ausgeschlossen. Grundsätzlich gilt wie immer in der Infektionsmedizin: Wenn der Eindruck besteht, dass man es mit einer übertragbaren Erkrankung zu tun hat, stehen Eigen- und Mitarbeiterschutz an erster Stelle: Handschuhe, Schutzkittel, Maske und Augenschutz reichen zunächst aus. Wenn jemand mich panisch anruft, sage ich immer etwas flapsig: Warum ist meine FFP-Maske dichter als Ihre? Einfach um etwas Druck aus der Situation zu nehmen.

Wichtig ist, bei der Anamnese die Inkubationszeiten, Aufenthaltsorte und Expositionen zu beachten. Hilfe erhält man bei uns oder beim zuständigen Gesundheitsamt. Nach dem Infektionsschutzgesetz ist zunächst der Amtsarzt des Landkreises zuständig, in dem sich der Patient befindet. Dieser nimmt dann Kontakt zur Task Force Infektiologie und zu den Sonderisolierstationen auf. Fachliche Beratung gibt es auch über den Ständigen Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren (STAKOB) am Robert Koch-Institut. Dort gibt es beispielsweise das HCID-Tool, ein Online-Tool, durch das sich ein Verdacht bei einem Patienten strukturiert „durchspielen“ und einschätzen lässt. Über dort hinterlegte Telefonnummern kann man sich auch beraten lassen. Bei Bedarf tritt der STAKOB kurzfristig zu einer Beratungskonferenz zusammen – mit RKI, lokalen Gesundheitsbehörden und Behandlungszentren.

Wie lange müssten Ebola-Patient*innen auf der Sonderisolierstation bleiben?

Das hängt vom Verlauf ab. Der in der Charité behandelte Arzt war etwa drei Wochen in Behandlung. Wenn ein Patient intensivpflichtig ist, wird die Versorgung extrem personalintensiv: Für einen Patienten benötigen wir etwa 24 bis 25 Mitarbeitende pro 24 Stunden. Das muss eine Klinik erst einmal leisten können. In München arbeiten deshalb die München Klinik, die LMU und die TU München zusammen. So verteilt sich die Belastung, ohne dass einzelne Bereiche komplett ausfallen. Die München Klinik betreibt die Sonderisolierstation, aber auch das Personal aus den universitären Kliniken wird geschult und kann im Ernstfall unter-stützen. Im vergangenen Jahr haben wir rund 100 Mitarbeitende ausgebildet: Ärzt*innen und Pflegekräfte etwa im Verhältnis eins zu zwei. Bei einer intensivpflichtigen Patientin besteht ein Team aus zwei Pflegekräften und einem Arzt beziehungs-weise einer Ärztin. Dieses Team arbeitet für etwa drei Stunden an der Patientin. Länger geht es im Vollschutz nicht.

Auf einer Sonderisolierstation sind sicher keine Besuche möglich, oder doch?

Direkter Kontakt ist nicht möglich, aber es gibt Fensterscheiben. Die Angehörigen können den Patienten so sehen, und wenn der Patient dazu in der Lage ist, können sie auch über ein Kommunikationssystem miteinander sprechen. Das war mir bei der Renovierung wichtig. Aus der Corona-Zeit haben wir gelernt, wie belastend es ist, wenn sich die Menschen nicht von ihren sterbenden Angehörigen verabschieden können. Aber auch jenseits des Sterbens ist Begleitung wichtig: Angehörige können so sehen, wie es den Patient*innen geht und vor Ort mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sprechen.

Gibt es Konzepte für den Fall, dass Ebola doch pandemisch würde?

Auf diesem Versorgungslevel: nein. Für eine Pandemie gäbe es nicht annähernd ausreichend Betten und Personal. Selbst wenn in Deutschland 20 oder 30 Betten auf Sonderisolierstationen verfügbar wären – entscheidend ist nicht nur die Bettenzahl, sondern der enorme Personalbedarf. Allerdings sehen wir wegen der Übertragungswege bei allen klassischen Erregern der Risikogruppe 4, also bei allen viralen hämorrhagischen Fiebern, kein pandemisches Potenzial. Anders wäre das theoretisch bei Erregern mit leichterer Übertragbarkeit, etwa Pocken – aber die gibt es glücklicherweise nicht mehr.

Wir brauchen uns also insgesamt keine Sorgen zu machen?

Wir, die hier arbeiten, machen uns jedenfalls um uns selbst keine Sorgen. Vor dem Feind, den ich kenne, kann ich mich schützen. Mehr Sorge machen mir unvorhersehbare Situationen: der Notaufnahmearzt, der nicht weiß, wer als Nächstes durch die Tür kommt. Diese Kolleginnen und Kollegen sind im Zweifel gefährdeter als wir. Wir wissen, wer hinter der Tür liegt.

Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA 17-18/2026 vom 05.09.2026