Leitartikel

Saisonale Atemwegserkrankungen. Ein Pieks gegen Herzinfarkt und Schlaganfall

Zum 1. September ist die gemeinsame Impfkampagne „München impft“ der Münchner Universitätskliniken und der Stadt gestartet. Die Hintergründe erläuterten Prof. Dr. Christoph Spinner vom TUM Klinikum rechts der Isar, Prof. Dr. Christian Schulz vom LMU Klinikum und die Münchner Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek im Gespräch mit den MÄA.
Saisonale Atemwegserkrankungen. Ein Pieks gegen Herzinfarkt und Schlaganfall
Saisonale Atemwegserkrankungen. Ein Pieks gegen Herzinfarkt und Schlaganfall

Herr Prof. Spinner, Herr Prof. Schulz, was ist die Initiative „München impft“ und wer hatte die Idee?

Spinner: Prof. Schulz und ich sind gemeinsam aufgrund der viel zu niedrigen Impfzahlen bei Covid-19, Influenza und dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) auf die Idee dazu gekommen. Mit unserer Impfkampagne möchten wir dafür sensibilisieren, wie wichtig Impfungen dagegen sind. In einem ersten Schritt nehmen wir die Allgemeinbevölkerung in den Blick: Personen über 60 beziehungsweise über 75 Jahren sowie Menschen mit Grunderkrankungen zählen zu den Risikogruppen für schwere Verläufe. Damit die Menschen ein besseres Verständnis der Erkrankungen und der Prävention durch Impfungen entwickeln, haben wir Informationen zu den Infektionen auf der Kampagnenwebseite www.muenchen-impft.de zusammengestellt. Dafür konnten wir etliche prominente Unterstützende gewinnen – wie den Professor für Astrophysik und Naturphilosophie Harald Lesch, den Präsidenten der LMU Prof. Dr. Dr. Matthias H. Tschöp oder die Direktorin der Frauenklinik an der TUM Prof. Dr. Marion Kiechle und viele mehr.

Schulz: Unsere Kampagne ist drei-gliedrig aufgebaut. Die Allgemeinheit adressieren wir über Beiträge in Print- und Onlinemedien, Radio und über unsere Webseite. Wir wenden uns aber auch an Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen, also vor allem an Ärztinnen und Ärzte sowie an Apotheken beziehungsweise den Bayerischen Apothekerverband. Eine dritte Zielgruppe sind Patient*innen, die wir über Selbsthilfeorganisationen erreichen. Bei allen drei Zielgruppen möchten wir das Bewusstsein für saisonale Atemwegserkrankungen erhöhen, insbesondere für Covid-19, Influenza und RSV – also für Erkrankungen, denen wir durch Impfungen vorbeugen können. Dazu haben wir Informationsmaterialien erstellt, z.B. Praxis-poster und Aufklärungsflyer. Flyer gibt es für die Allgemeinheit, aber auch für Personen mit onkologischen Erkrankungen oder Immundefekten und für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie können unkompliziert unter www. muenchen-impft.de bestellt werden.

Auf welche Argumente setzen Sie bei der Kampagne? Und welche Rolle spielt das RS-Virus?

Spinner: Die verfügbaren Impfstoffe sind sehr wirksam und gut verträglich. Eine Influenza-Impfung etwa senkt das Risiko, im Krankenhaus behandelt zu werden um etwa die Hälfte. Bei der Covid-19-Impfung liegt die Reduktion des Hospitalisierungsrisikos bei ca. 65 Prozent. Und durch eine einmalige RSV-Impfung werden schwere Verläufe sogar zu 80 Prozent verhindert. Übrigens ist das RS-Virus auch mit Herz-Kreis-lauf-Ereignissen assoziiert. Die Impfmöglichkeit dagegen ist in der Allgemeinbevölkerung noch nicht so bekannt. Wir wissen aber inzwischen: Jede zehnte Person, die mit RSV diagnostiziert wird, stirbt. Menschen aus den Risikogruppen mit bestätigten RSV-Infektionen müssen oft für ein bis drei Wochen in die Klinik, und jede*r Zehnte bis jede*r Vierte auf die Intensivstation. Für alle drei Erkrankungen gilt: Ohne Impfung verschlechtern sich auch Grunderkrankungen wie z.B. Asthma oder COPD. Das Schlaganfallrisiko verdoppelt sich bei einer RSV-Infektion, und auch die Wahrscheinlichkeit eines schweren Herz-Kreislauf-Ereignisses steigt fast um den Faktor vier. Daran sieht man: Diese Erkrankungen sind keine harmlosen Kindererkrankungen.

Schulz: Und das gilt nach wie vor auch für Covid-19: Bei den über 60-Jährigen mit einer Covid-19-In-fektion gab es allein im Jahr 2024 mehr als 72.000 Hospitalisierungen und fast 6.000 Todesfälle. Dies führte im Gesundheitswesen zu Kosten von rund 530 Millionen Euro. Gleich-zeitig sind die Impfquoten in Deutschland viel zu niedrig. Bei Covid-19 liegen sie zwischen 8 und 13 Prozent, bei Influenza bei maxi-mal 34 Prozent, und auch für RSV sind sie wahrscheinlich niedrig Eine Arbeit mit Kassendaten der AOK Plus aus Sachsen und Thüringen hat gezeigt, dass z.B. die saisonale Covid-19-Impfung auch in der Omikron-Zeit zu einer um 25 Prozent geringeren Mortalität, zu 60 Prozent weniger Hospitalisierungen und zur einer mehr als halbierten Long-Covid-Rate geführt hat.

Herr Prof. Schulz, welche Impfempfehlungen gelten für die Risikogruppen?

Schulz: Die allgemeine Empfehlung lautet: Gegen Influenza sollte man grundsätzlich ab 60 Jahren impfen, gegen Covid-19 und RSV ab 75 Jahren. Bei Influenza und Covid-19 gilt die Impfempfehlung außerdem für Personen mit impfrelevanten Grunderkrankungen ab dem sechsten Lebensmonat, also bereits für Säuglinge. Bei RSV gilt sie ab dem 60. Lebensjahr, wenn schwere Grunderkrankungen vorliegen. Wenn wir in der Medizin die Möglichkeit haben, hohe Komplikationsraten durch etwas so Einfaches wie eine Impfung zu verhindern, dann sollten wir das unbedingt tun.

Nochmal zu den Herz-Kreislauf-Ereignissen: Wie kommt es dazu?

Spinner: Man weiß, dass Atemwegserkrankungen grundsätzlich vermehrt mit Herzinfarkten, Schlaganfällen und einer Aktivierung des Entzündungssystems assoziiert sind. Verschiedene Studien zeigen etwa, dass eine Influenza-Infektion zu einem sechsfach erhöhten Risiko für einen Herzinfarkt führt. Eine Impfung dagegen reduziert das Risiko für Herzinfarkte um 18 bis 45 Prozent! Damit ist sie so wirksam wie die Pri-mär- oder Sekundärprophylaxe mit einem Statin. Deshalb möchten wir gerade bei Menschen mit ohnehin schon verengten Gefäßen eine zusätzliche Entzündung durch eine Infektion verhindern.

Viele Menschen zeigen eine Impfmüdigkeit. Wie begegnen Sie dem?

Spinner: Entscheidend ist, Vertrauen zu schaffen und Impfungen niederschwellig verfügbar zu machen, entsprechend dem 5C-Modell von Cornelia Betsch et al.: Confidence, Complacency, Convenience bzw. Constraints, Calculation und Collective Responsibility. Vertrauen, also Confidence, schaffen wir durch medizinisch neutrale Aufklärung und prominente Unterstützende. Complacency steht für eine von vielen Menschen leider als sehr gering eingeschätzte persönliche Risikowahrnehmung und eine entsprechende Trägheit. Convenience heißt: Patient*innen sollten sich ohne allzu viele Hürden (Constraints) impfen lassen können, z.B., wenn sie sowieso gerade Kontakt mit dem Gesundheitswesen haben.

Schulz: Deshalb ist das Impfen durch Ärztinnen und Ärzte so wichtig. Bei Personen ohne regelmäßige Arztkontakte kann auch eine Apotheke unterstützen. Denn viele Menschen wägen ihre Gesundheitsentscheidungen nach Kosten-Nutzen-Faktoren ab (Calculation), und lassen sich aufgrund dessen zu leicht von Impfungen abbringen. Der letzte 5C-Faktor „Collective Responsibility“ steht für das eigene Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesellschaft. Es ist wichtig zu kommunizieren, dass die eigene Impfung auch andere schützt.

Welche konkreten Maßnahmen sind geplant?

Spinner: Wir informieren unsere Zielgruppen dreimal: Jetzt, zu Beginn der Atemwegssaison, im Dezember vor den Feiertagen und im Januar noch einmal mit einer Neujahres-Boosterkampagne. Diese Maßnahmen informieren, schaffen öffentliche Sichtbarkeit und können Ver-trauen in Impfungen herstellen. Wir hoffen, dass so mehr Menschen die Möglichkeit der Impfung nutzen. Für Ärztinnen und Ärzte bieten wir außerdem ein Impfsymposium an
(s. Veranstaltungshinweis in dieser Ausgabe).

Schulz: Es ist eines unserer wichtigsten Ziele, auch mehr Ärztinnen und Ärzte für Impfungen zu gewinnen. Denn wenn die Impfquoten so niedrig sind, heißt das ja nicht nur, dass Patientinnen und Patienten sich nicht impfen lassen, sondern auch, dass es offenbar auch unter den Ärztinnen und Ärzten noch Aufklärungs- und Motivationsbedarf gibt. Dabei wollen wir unterstützen.

Ist eine wissenschaftliche Auswertung der Kampagne geplant?

Spinner: Ja, wir planen ihre Effektivität anhand von Versicherungsdaten der AOK, der Barmer und der Techniker Krankenkasse zu untersuchen. Wir hoffen, zeigen zu können, dass unsere Kampagne mit einer Steigerung der Impfquote verbunden ist, auch wenn die Einflussgrößen auf eine solche Kampagne sehr vielfältig sind. Im Detail betrachten wir gesundheitsbezogene Endpunkte absolut und von Geimpften im Ver-gleich zu Ungeimpften: Krankenhausaufnahmen, Arztbesuche, gesundheitliche Komplikationen, Herz-Kreislauf-Ereignisse und Arbeitsunfähigkeitstage. Begleitend untersuchen wir außerdem die Impfbereitschaft, also Faktoren, die mit einer positiven oder negativen Haltung zum Impfen assoziiert sind.

Frau Zurek, warum unterstützt die Stadt München die Kampagne „München impft”?

Zurek: Ich bin seit jeher von der Wirksamkeit und Wichtigkeit des Impfens überzeugt – als Schutz für jede*n Einzelne*n wie auch für die Gesellschaft insgesamt. Dies gilt natürlich auch für die mit der Kampagne adressierten Atemwegserkrankungen. Durch die Kampagne können wir zusammen mit erfahrenen Partner*innen, wissenschaftlich begleitet, neue Wege beschreiten, um die Impfbereitschaft weiter zu steigern und so einen möglichst guten Impfschutz für die Münch-ner*innen zu erreichen. Derartige Kooperationen mit der Hochschullandschaft stellen aus meiner Sicht ein wichtiges Instrument zur professionellen Weiterentwicklung des öffentlichen Gesundheitsdiensts dar.

Was kann die Stadt bzw. was kann das Gesundheitsreferat dazu beitragen?

Zurek: Das Gesundheitsreferat hat in Bezug auf das Impfen eine lange Historie und steht der Münchner Bevölkerung nicht nur in Krisen – hier erinnere ich an das Corona-Impfzentrum der Landeshauptstadt mit seinen vielen Außenstellen – und in Ausbruchs-geschehen zur Seite. Auch dauerhaft ergänzen wir mit unserer Impfstelle in der Schwanthaler Straße das umfangreiche Impfangebot in München niederschwellig. Zudem haben wir bereits im Rahmen des World Aids Congress 2025 in München zusammen mit der TUM eine sehr erfolgreiche Impfaktion durchgeführt.

Was sind die Ziele der Stadt? 

Zurek: Covid-19, RSV und Influenza als Atemwegserkrankungen belasten die Erkrankten wie auch die Gesellschaft sehr. Dennoch nehmen zu viele Personen, denen die STIKO eine entsprechende Impfung empfiehlt, das in München bestehende umfangreiche Impfangebot nicht wahr. Wenn man sich die aktuelle Studienlage anschaut, so werden als Gründe dafür oftmals Unwissenheit und Ängste angeführt. Ich halte es deshalb für wichtig, dass wir nun gemeinsam einen Schritt weiterge-hen, mit einer breit angelegten Kampagne intensiv aufklären und so Maß-nahmen ergreifen, um die Impfquoten zu steigern. Die aus dem Projekt nach einer wissenschaftlichen Auswertung gewonnenen Erkenntnisse können zudem wichtige Bausteine sein für eine Weiterentwicklung des Impfangebots, mit dem Ziel eines möglichst umfassenden Impfschutzes der Münchner Bevölkerung.

Welche Botschaften haben Sie an die Münchner Ärztinnen und Ärzte, Prof. Spinner?

Spinner: Ärztinnen und Ärzte haben eine zentrale Rolle beim Impfen. Auf sie kommt es an! Deshalb mein klarer Appell an alle Leser*innen, noch einmal zu überlegen: Wie kann man das Impfen ganz praktisch im eigenen Alltag noch wirksamer etablieren? Wir stellen Kampagnenmaterialien zur Verfügung (siehe oben, bestellbar unter www.muenchen-impft.de) und bieten unsere Symposien virtuell am 16. September und vor Ort am 14. Oktober an, bei denen man sich im September abends auch ganz bequem von zu Hause oder dem Arbeitsplatz aus für zwei Stunden zuschalten kann. Dort geht es von Disease Awareness über das Potenzial der Impfungen bis hin zur Frage: Wie bringt man das Impfen erfolgreich in die Praxis?

Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA 19 vom 19.09.2026