Psychotherapie bei Geflüchteten. Das Trauma überwinden.
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Wie gut ist die psychotherapeutische Versorgung von Geflüchteten in München aus Ihrer Sicht aktuell?
Matten: Leider gibt es nur sehr wenige Angebote für Geflüchtete. Es existieren zwar stabilisierende, psychosoziale Angebote, aber kaum Einrichtungen, die leitliniengerechte Psychotherapie durchführen. Als psychosoziales Behandlungszentrum (PSZ) bieten wir Psychotherapie an.
Terlinden: PSZs gibt es bundesweit. Sie sind im Bundesverband Psychosozialer Zentren organisiert und unterscheiden sich teilweise auch. Folgende Kriterien aber gelten in der Regel überall: Erstens arbeiten wir immer mit approbierten Psychotherapeut*innen oder Ärzt*innen zusammen. Zweitens bieten wir leitliniengerechte Psychotherapie mit Dolmetscher*innen, also mit Sprach- und Kulturmittlung. Drittens arbeiten wir interdisziplinär, insbesondere mit Asyl- und Sozialberatung, und erstellen qualifizierte ärztliche Stellungnahmen für Asylverfahren und Unterbringung.
Wie ist Ihre Organisationsstruktur?
Terlinden: Wir sind ein Verein. Andere PSZs sind zum Beispiel an Wohlfahrtsverbände angebunden. Meist entstehen PSZs aus zivilgesellschaftlichen Initiativen und befinden sich vor allem in Großstädten. Bundesweit zeigt sich ein starkes Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle. In NRW oder Niedersachsen gibt es sehr viele, in Bayern leider nur sehr wenige: eines in Nürnberg, eines in Neu-Ulm und eben Refugio München mit Außenstellen in Augsburg und Landshut. Daher müssen wir leider rund 80 Prozent der Menschen, die an uns herantreten, absagen. Trotzdem ist München noch relativ privilegiert. In ländlichen Regionen oder mittelgroßen Städten gibt es häufig keine vergleichbaren Angebote. Besonders dramatisch ist die Situation für Kinder und Jugendliche. In ganz Bayern behandeln nur wir geflüchtete Kinder und Jugendliche psychotherapeutisch. Die Zentren in Nürnberg und Neu-Ulm nehmen keine Kinder und Jugendlichen auf.
Wie viele Menschen behandeln Sie aktuell, und wie laufen Beratung und Behandlung konkret ab?
Matten: Für 2024 haben wir die Zahlen vorliegen: In München, Augsburg und Landshut befanden sich 913 Personen in Psychotherapie. Zusätzlich erhielten 201 Angehörige eine Beratung. Wir bieten auch ein Elterntraining und die Refugio-Kunstwerkstatt an. Insgesamt kamen die Patientinnen und Patienten aus 36 Herkunftsländern – am häufigsten aus Afghanistan, der Ukraine und der Demokratischen Republik Kongo.
Terlinden: Eine Anmeldung bei uns setzt immer eine psychotherapeutische Indikation voraus – das ist sozusagen die „Eintrittskarte“. Beim Erstgespräch prüfen Therapeut*in, Sozialpädagog*in und Dolmetscher*in im Gespräch mit den Patient*innen die Indikation und stellen eine Diagnose: Sind die Voraussetzungen für eine Psychotherapie überhaupt gegeben? Danach beginnen wir mit probatorischen Sitzungen und gehen dann in Kurz- oder Langzeittherapien über. Parallel dazu läuft bedarfsorientiert die Asyl- und Sozialberatung. Jede Patientin und jeder Patient wird immer von zwei Professionen als Tandem begleitet. Die Behandlungsdauer variiert stark. Bei Kindern und Jugendlichen sehen wir häufig innerhalb eines Schuljahres deutliche Verbesserungen. Viele kommen mit etwa 30 bis 35 Sitzungen gut zurecht.
Welche Diagnosen sind besonders häufig? Wie wählen Sie die Menschen aus, die Sie behandeln?
Matten: Im Erwachsenenbereich dauern Therapien leider oft deutlich länger. Hier sehen wir häufig komplexe posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), oft kombiniert mit schweren Depressionen. Dissoziative Symptome sind sehr häufig, ebenso psychosomatische Beschwerden. Ausschlussdiagnosen sind bei uns in der Regel Essstörungen, akute Psychosen und Suchterkrankungen.
Terlinden: Bei Kindern und Jugendlichen dominieren ebenfalls PTBS und depressive Episoden. Hinzu kommen Angststörungen. Viele Kinder leiden unter Trennungsängsten und Ausscheidungsstörungen. Ich habe gerade z.B. ein Kind in Behandlung, das mit neun Jahren wieder angefangen hat, einzukoten und einzunässen. Bei Jugendlichen kommt oft noch schädlicher Substanzgebrauch hinzu – zum Beispiel Alkohol, Cannabis oder andere Drogen. Einige leiden sehr schwer unter Dissoziationen oder psychotischen Symptomen und hören z.B. Stimmen, die oft aber von der PTBS verursacht werden.
Matten: Unsere Patientinnen und Patienten gehören zu den schwerst Erkrankten. Viele haben mehrere stationäre Aufenthalte hinter sich. Im Durchschnitt berichten sie von sechs bis acht verschiedenen Traumaarten, etwa Gewalt, Folter, Gefängniserfahrungen, sexuellem Missbrauch oder Fluchtkatastrophen. Wir sehen sehr häufig eine PTBS mit psychotischen Symptomen, die sich ganz klar im Rahmen der Traumaerfahrung als Flashbacks zeigen: Eine Patientin von mir sieht und hört zum Beispiel immer ihre Verfolger aus dem Kongo hier in Deutschland auf den Straßen. Über ein Drittel unserer Patient*innen hat regelmäßig Suizidgedanken. Viele haben auch schon Versuche hinter sich.
Wie gehen Sie therapeutisch vor?
Terlinden: Nach der Diagnostik beginnen wir in der Regel mit einer Phase der Stabilisierung. Die Patient*innen lernen, mit Stress, Emotionen und Schlafstörungen besser umzugehen. Anschließend arbeiten wir – wenn möglich – traumafokussiert. Dazu nutzen wir verschiedene Verfahren wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), verhaltenstherapeu-tische Methoden, Expositionstherapie oder imaginative Techniken. Ziel ist es, die traumatischen Ereignisse zu verarbeiten, die sozusagen „der Hotspot“ sind. Viele unserer Patient*innen können aber zunächst nicht über ihr Trauma reden. Ich hatte zum Beispiel mal einen Jungen in Behandlung, der zu Hause nicht erzählen konnte, dass er sexuell missbraucht wurde, weil dies eine Schande für die Familie gewesen wäre. Er litt unter Intrusionen, gemischt mit Depressionen, Angststörungen und Panikattacken und rauchte deshalb viel Cannabis. Menschen aus anderen Kulturkreisen muss man manchmal regelrecht dazu „empowern“, mit uns über das traumatische Ereignis zu reden. Viele sagen zunächst: „Ich verstehe das nicht, ich will doch vergessen“.
Matten: Im Erwachsenenbereich dauert der Beziehungsaufbau oft sehr lange. Viele Patient*innen kommen mit massivem Misstrauen. Erst wenn sie Sicherheit entwickeln, können wir mit Konfrontation und Integration beginnen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der bei den ersten Sitzungen die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und die Jacke gar nicht ausgezogen hatte, damit er jeden Moment wieder zur Tür hätte herausgehen können. Parallel laufen immer sozialrechtliche Klärungen, Begutachtungen und medizinische Unterstützung, um den therapeutischen Prozess zu stabilisieren.
Terlinden: Es ist zentral, dass unsere Therapeut*innen etwas über die Herkunftsländer wissen und vielleicht auch mal ein „Salam“ zur Begrüßung über die Lippen bringen. Es geht dabei nicht darum, dass die Patient*innen kein Deutsch lernen wollen, sondern dass sie sich so als Menschen wahrgenommen fühlen. Wir haben immer eine*n Kultur- und Sprachmittler*in dabei, damit wir respektvoll auf kulturelle Unterschiede eingehen können. Vielen müssen wir am Anfang erst einmal erklären: Was ist eigentlich Psychotherapie? In manchen Kulturen wird Erkrankung zum Beispiel als Verfluchung verstanden. Sie glauben z.B. daran, dass ein Geist oder Dschinn dafür verantwortlich ist. Religiöse oder spirituelle Erklärungen schließen Psychotherapie aber nicht aus. Unterschiedliche Krankheitsmodelle und Therapieansätze dürfen parallel nebeneinander bestehen. Man kann auch zum Imam und zur Psychotherapie gehen.
Matten: Entscheidend sind Neugier, Offenheit und echtes Interesse. Für den Therapieprozess ist es eher ungünstig, wenn wir von oben herab, sagen: „Ich erzähle Ihnen jetzt mal, wie das funktioniert“. Gestern erst sagte eine Patientin zu mir: „Ja, ich weiß, Sie glauben das nicht mit dem Verhextsein, aber trotzdem, ich bleibe dabei“. Darüber konnten wir beide schmunzeln. Wir fragen auch aktiv nach Rassismuserfahrungen und Diskriminierung.
Wie funktioniert bei Ihnen die Finanzierung?
Matten: Sie ist etwas kompliziert und leider auch oft unsicher. Den größten Anteil trägt die Stadt München, bei der momentan leider viel gekürzt wird. Hinzu kommen EU-Mittel, die aber nicht über mehrere Jahre hinweg planbar sind. Außerdem sind wir auf Spenden und Stiftungsgelder angewiesen. Refugio München hat einen eigenen Förderverein. Leider nur ein sehr kleiner Teil ist über Krankenkassenkarten abrechenbar, weil die meisten Asylsuchenden erst nach 36 Monaten in Deutschland eine Krankenkassenkarte erhalten.
Terlinden: Die Finanzierung ist ein großes Problem. Viele sind noch im Asylverfahren und werden über das Asylbewerberleistungsgesetz finanziert. Wir können Anträge bei den Sozialämtern stellen, was bei der Stadt München oft ganz gut funktioniert – beim Landkreis leider oft weniger. Sobald aber jemand eine geringfügige Beschäftigung hat, fällt diese Finanzierungsmöglichkeit weg. Sehr schade ist, dass Dolmetschen und Sozialarbeit nicht von den Krankenkassen finanziert werden, weil dies keine SGB-V-Leistung ist. Dabei ist es dieses Tandem, das unsere Arbeit so wirksam macht.
Was würden Sie ärztlichen Kolleginnen und Kollegen raten, die mit psychisch erkrankten Geflüchteten arbeiten?
Terlinden: Ich finde es sehr gut, wenn Kolleg*innen sagen: Wir nehmen diese Patient*innen mit in die Behandlung, ohne Unterschiede zu machen. Schwierigkeiten, die sich zum Beispiel durch sprachliche Barrieren ergeben, sollte man ernst nehmen und versuchen, Lösungen zu finden. Alle Kolleginnen und Kollegen laden wir ein, zu unserem Tag der offenen Tür am Freitag, den 8. Mai, von 12 bis 17 Uhr zu kommen, damit wir uns persönlich kennenlernen können.
Matten: Häufig erlebe ich, dass Kolleginnen und Kollegen sehr überrascht sind, wenn sie erfahren, unter welchen Bedingungen Geflüchtete leben: lange Wartezeiten auf eine Krankenkassenkarte, langwierige Asylverfahren. Insgesamt gibt es wenig Wissen über ihre Lebensumstände. Gerade Ärzt*innen wissen aber, was mit Krankheiten passiert, wenn sie chronifizieren oder jahrelang nicht behandelt werden. Und wir wissen, was Postmigrationsstressoren mit Menschen machen. Dieses Wissen mit Neugier für die Situation von Geflüchteten zu verbinden, wäre sehr wichtig.
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 08/2026 vom 18.04.2026