Leitartikel

Open.med. Medizin für alle Menschen

Menschen ohne Krankenversicherung können genauso krank werden wie alle anderen. Sie zumindest notdürftig zu versorgen und ihnen womöglich zu einer Versicherung zu verhelfen ist das Ziel von open.med. Die MÄA sprachen mit der Münchner Projektleiterin Annemarie Weber.
Die Ärztin Nadja Spitznagel beim Ultraschall eines Patienten
Die Ärztin Nadja Spitznagel beim Ultraschall eines Patienten

Foto: open.med / Till Mayer

Was ist open.med, und an wen richtet sich das Angebot?

open.med München gibt es seit 2006, also seit fast 20 Jahren. Wir sind eine medizinische Anlaufstelle für Menschen, die keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Seit 2017 haben wir zusätzlich zu unserer Anlaufstelle in der Dachauer Straße auch einen Behandlungsbus. Damit sind wir einmal die Woche am Hauptbahnhof und einmal bei einer Notunterkunft der Stadt München präsent. Unser Angebot richtet sich nicht nur an Menschen aus München. Wir versorgen alle Menschen, die den Weg zu uns finden. Da wir mit ehrenamtlichen Ärzt*innen sowie Medizinstudierenden arbeiten und uns spendenbasiert finanzieren, können wir jedoch nicht alle Leistungen wie in einer regulären Arztpraxis anbieten. Unser Ziel ist es auch nicht, die Arztpraxen zu ersetzen, sondern wir möchten die Menschen auffangen und sie – wenn möglich – wieder in die reguläre Versorgung zurückführen.

Wer kommt zu Ihnen?

Sehr unterschiedliche Menschen. Grundsätzlich kann es jede*n treffen, dass er oder sie aus der Krankenversicherung „herausfällt“. Häufig behandeln wir aber z.B. Menschen mit psychischen Erkrankungen, die es nicht mehr schaffen, Anträge etwa auf Bürgergeld bzw. die Grundsicherung zu stellen und so ihre Leistungen verlieren und in eine Abwärtsspirale geraten. Mache verlieren ihre Wohnung oder scheitern an hohen bürokratischen Hürden.

Eine weitere große Gruppe sind EU-Bürgerinnen und -Bürger, zum Beispiel Roma aus Rumänien oder die türkischsprachige Minderheit aus Bulgarien, die in ihren Herkunftsländern Diskriminierung erleben. Manche berichten uns, dass sie in ihrer Heimat keine Chance haben Geld zu verdienen. Sie leben hier auf der Straße und sammeln Flaschen, um etwas Geld für die Familie nach Hause zu bringen. Als EU-Bürger*in muss man zunächst einen Arbeitnehmer-Status haben, um hier leistungsberechtigt zu sein. Viele haben keine ausreichenden Sprachkenntnisse und verstehen nicht, wie das Gesundheitssystem hier funktioniert.

Wir versorgen auch Menschen, die nicht mehr krankenversichert sind: Personen ohne festen Wohnsitz, Menschen mit Beitragsschulden, ehemals privat Versicherte, die sich das nicht mehr leisten können, oder Menschen, die die Krankenkasse wegen Problemen mit der Postadresse nicht mehr erreicht hat.

Welche Rolle spielt Beratung bei open.med?

Eine sehr große. Zwar kommen die meisten Menschen aus medizinischen Gründen zu uns, und nicht wegen einer Beratung. Aber es gibt eben auch Probleme mit dem Zugang zur Gesundheitsversorgung. Jede Patientin und jeder Patient erhält deshalb zunächst eine Beratung. Wir investieren viel Zeit, um sie über das Gesundheitssystem aufzuklären. Oft rufen wir bei der Versicherung an, um zu klären, ob sie tatsächlich nicht versichert sind, oder ob zum Beispiel nur die Versicherungskarte nicht funktioniert. Manchmal stellen wir fest, dass Menschen bei der Versicherung zwar Schulden aufgebaut haben, aber trotzdem noch versichert sind oder zumindest Anspruch auf quartalsweise geltende Ersatzbescheinigungen haben.

Viele Menschen schämen sich, selbst bei der Kasse anzurufen, weil es hier in Deutschland Standard ist, krankenversichert zu sein. Andere fühlen sich sehr unwohl, weil sie ihre Medikamente selbst nicht bezahlen können. Bei uns erhalten sie einige Medikamente kostenlos. Unser Ziel ist es, diese Menschen möglichst schnell wieder in das normale Gesundheitssystem zu integrieren, denn natürlich kann unsere Versorgung mit Ehrenamtlichen keine langfristige Alternative sein. Viele kommen nur einmal zu uns – dieses erste Gespräch ist daher besonders wichtig.

Welche Erkrankungen behandeln Sie?

Unser Schwerpunkt liegt auf der Allgemeinmedizin. Zusätzlich bieten wir – leider oft nur etwa zweimal im Monat – Fachsprechstunden an. Wir haben ehrenamtliche Gynäkologinnen und Hebammen für die Schwangerschaftsvorsorge, Kinderärzt*innen, eine psychologische Psychotherapeutin und eine Psychiaterin. Denn psychische Erkrankungen nehmen auch bei uns stark zu. Unsere Top-eins-Diagnose ist aber immer noch der Bluthochdruck, wie in vielen Allgemeinarztpraxen.

Grundsätzlich haben unsere Patient*innen Krankheiten, die auch sonst in der Hausarztpraxis vorkommen. Aber bei unseren Patientengruppen gibt es teilweise zusätzliche Fragen und Probleme: Wo wird bei wohnungslosen Menschen z.B. das Insulin gelagert? Wie viel können wir ihnen überhaupt mitgeben? Wie können sie sich angemessen ernähren, wenn sie nicht selbst kochen können, sondern nur zu Essensausgabestellen geschickt werden?

In der Praxis verfügen wir über eine Basisausstattung wie EKG, Ultraschall, ein Labor zur Kontrolle von Blutwerten und auch bestimmte Medikamente, die wir mitgeben können. Wir haben ein breites Netz an Ehrenamtlichen. Teure Medikamente oder aufwendige Behandlungen können wir nicht finanzieren. In solchen Fällen suchen wir gemeinsam mit Kooperationspartnern nach Lösungen.

Mit welchen Kooperationspartner*innen arbeiten Sie zusammen?

Wir sind breit vernetzt, etwa mit der von der Stadt geförderten Clearingstelle Gesundheit von Condrobs, die manchmal zur Überbrückung Medikamente finanzieren kann. Auch mit dem Gesundheitsreferat der Stadt München arbeiten wir eng zusammen, z.B. mit der Impfstelle – zur Impfung von Kindern gegen Grippe oder Masern. Beim Thema Wundversorgung kooperieren wir mit der Obdachlosenhilfe St. Bonifaz und der Arztpraxis für Wohnungslose in der Pilgersheimer Straße. Wir haben auch externe Ehrenamtliche, zum Beispiel in Facharztpraxen. Natürlich müssen wir dann darauf achten, dass die Patient*innen dort zuverlässig erscheinen und dass, wenn nötig, auch eine Sprachmittlung dabei ist. Wir möchten natürlich, dass unsere Ehrenamtlichen eine gute Erfahrung mit unseren Patient*innen machen, damit sie uns erhalten bleiben.

Wie wird open.med finanziert?

Wir bemühen uns bewusst um eine möglichst diversifizierte Finanzierung, um auch politisch unabhängig zu sein: durch beispielsweise die Deutsche Postcode Lotterie, durch Stiftungen wie ANTENNE BAYERN hilft oder SZ Gute Werke und durch private Spenden. Zudem wird die Beratung für neu zugewanderte EU-Bürger*innen und Wohnungslose im Rahmen des Programms „EhAP Plus – Eingliederung hilft gegen Ausgrenzung der am stärksten benachteiligten Personen“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert. Die Stadt München unterstützt seit Beginn unsere Anlaufstelle, im letzten Jahr auch den Behandlungsbus, was 2026 aufgrund fehlender Finanzmittel nicht mehr möglich ist.

Wo stoßen Sie an Grenzen?

Wenn lebensnotwendige, aber sehr teure Behandlungen nötig sind, etwa bei HIV-Therapien, Chemotherapien oder Operationen ohne gesicherte Kostenübernahme. Wenn jemand nicht versichert ist, sind Krankenhausaufenthalte schwierig, denn die Krankenhäuser sind nur zur Notfallbehandlung verpflichtet. Vor einiger Zeit haben wir beispielsweise einen auf der Straße lebenden Patienten aus Spanien betreut, der aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht dorthin zurückkonnte. Wegen seiner Krebserkrankung haben wir ihn immer wieder in die Klinik geschickt, wo er stabilisiert wurde. Aber seine Grunderkrankung, den Tumor, konnten sie ohne Kostenträger dort nicht behandeln. Bis heute wissen wir leider nicht, was aus ihm geworden ist. Das sind natürlich keine schönen Momente, wenn wir jemandem nicht weiterhelfen können. Heute übernimmt zum Glück immer wieder die Clearingstelle Gesundheit solche Fälle.

Aktuell haben wir einen Fall eines sehr kranken deutschen Staatsbürgers, der privat versichert war, sich dies aber nicht mehr leisten konnte. Den „Basistarif“ bei der privaten Kasse zu aktivieren, dauert sehr lang, schon über zwei Monate. Hier haben wir das Glück, dass das Krankenhaus kulant ist und in Vorleistung geht. Sonst würde dieser Patient höchstwahrscheinlich sehr bald sterben.

Zum Glück schaffen wir es immer wieder, Menschen zurück in eine Krankenversicherung zu bringen. Einer unserer Patienten hatte einen Unfall, nach dem ein Bein amputiert werden musste. Es hat über ein Jahr gedauert und war ein sehr langer Weg, aber letztlich hat er die entsprechende Versorgung und jetzt auch eine Prothese bekommen.

Wie viele Menschen versorgen Sie?

Im Jahr 2025 hatten wir bis Ende November mehr als zweieinhalbtausend medizinische Konsultationen. Im Vergleich zu einer „normalen Hausarztpraxis“ ist das natürlich keine sehr hohe Zahl. Aber die Durchschnittsdauer einer Behandlung liegt bei uns bei 20 Minuten und mehr. Und obwohl wir jeden Tag irgendein Angebot haben, ist zum Beispiel die Kindersprechstunde oft nur für eine Stunde geöffnet. Zudem haben wir nur einen Behandlungsraum.

Wir freuen uns daher immer über Facharztpraxen, die die Menschen auch bei sich versorgen, zum Beispiel urologische oder kardiologische Praxen oder Augenarztpraxen. Wichtig ist, dass diese Praxen auch bereit sind, obdachlose Menschen zu behandeln oder solche, die nicht die Sprache sprechen bzw. nicht das Gesundheitsverständnis haben, das wir hier voraussetzen würden. Auch wer bei uns vor Ort mitarbeiten möchte, kann sich gern bei uns melden. Momentan suchen wir insbesondere Psychiaterinnen oder Psychiater.

Was wünschen Sie sich von der Ärzteschaft?

Ein Wunsch wäre, dass jede Arztpraxis mit einer Kassenzulassung ein paar Menschen mit einer europäischen Versicherungskarte oder eben mit einer Ersatzbescheinigung versorgt. Das würde uns sehr entlasten. Und ich wünsche mir, dass sich die Ärzteschaft politisch dafür einsetzt, dass bürokratische Hürden abgebaut werden und z.B. auch Geflüchtete Ersatzbescheinigungen bekommen. Vielleicht wäre auch eine digitale Lösung möglich, um den Aufwand für die Praxen und die Menschen zu verringern.

Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA 03/2026 vom 07.02.2026
 

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