Leitartikel

Männergesundheit. Ein ganzer Mann - dank Testosteron

Gibt es die „Wechseljahre des Mannes“? Welche Rolle spielt die Testosterongabe? Wann ist diese sinnvoll? Und wie bringt man Männer und Jungen dazu, häufiger zur Vorsorge zu gehen? Über diese und andere Fragen sprachen die MÄA mit Dr. Martina Sticker, Urologin in Solln.
Männergesundheit. Ein ganzer Mann - dank Testosteron
Männergesundheit. Ein ganzer Mann - dank Testosteron

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Frau Dr. Sticker, was sind wichtige Themen in der Männergesundheit? Welche Rolle spielen Hormone?

Häufig kommen Patienten zunächst wegen sexueller Probleme, konkret wegen erektiler Dysfunktion. In letzter Zeit wird aber auch vermehrt eine Bestimmung des Testosteronspiegels nachgefragt – manchmal ohne Symptome, manchmal bei unspezifischen Beschwerden, die dann allein auf Testosteron zurück-geführt werden. Ich denke, das ist auch ein Trend, befördert durch Influencer und Social Media, die ein männliches Ideal propagieren: große Muskelpakete, immer leistungs-bereit sein, auch sexuell. Das verunsichert viele Männer. Manche berichten, dass im Bekanntenkreis gefragt wird: „Hast du schon mal deinen Testosteronspiegel bestimmen lassen?“ Oder Partner*innen sagen: „Geh doch mal zur Urologin oder zum Urologen und lass Deine Hormone kontrollieren.“ Bei Vorliegen von Symptomen kann das sinnvoll sein, aber wir wollen den Mann ja nicht auf seinen Testosteronspiegel reduzieren.

Manche sprechen inzwischen auch von „den Wechseljahren des Mannes“. Sind diese vergleichbar mit denen der Frauen?

Nein, das kann man nicht vergleichen. „Wechseljahre“ bedeutet bei der Frau eine Zäsur – einen Übergang von der reproduktiven Phase hin zum Einstellen der Eierstockfunktion. Beim Mann ist es eher ein schleichender Prozess. Man weiß, dass das Testosteron im Schnitt etwa um 1 Prozent pro Jahr zurückgeht. Die Symptome können ähnlich sein, sind aber meist nicht so ausgeprägt, weil der Mann länger Zeit hat, sich an den Rückgang der Hormone anzupassen. „Wechseljahre des Mannes“ ist deshalb eigentlich ein falscher Begriff. Besser wäre Altershypogonadismus oder Late-Onset-Hypogonadismus.

Bei den Frauen sagt man, dass etwa ein Drittel in den Wechseljahren keine Probleme hat, ein Drittel nur wenig und ein Drittel starke. Wie ist es bei den Männern?

Behandlungsbedürftig sind nur 2 bis 5 Prozent der Männer. Wichtig ist die Frage, welche Symptome wirklich durch den Testosteronrückgang ausgelöst werden. Es gibt viele Differenzialdiagnosen, vor allem das metabolische Syndrom mit Veränderungen im Blutzucker- und Lipidstoffwechsel, Übergewicht und Hypertonus. Wir bestimmen den Testosteronspiegel zweimal, am besten morgens vor 10 Uhr, weil er dann etwa um ein Drittel höher ist als am späteren Tag und weil die Normwerte in dieser Zeit ermittelt wurden. Nur wenn der Wert zweimal unterhalb des Normbereichs liegt und andere Ursachen ausgeschlossen sind, befürworten wir eine Testosteronsubstitution zumindest vorübergehend, etwa mit einem Gel.
Wichtig ist auch, die Hormone LH (Luteinisierendes Hormon) und FSH (Follikelstimulierendes Hormon) sowie Prolaktin zu bestimmen. Erhöhtes Prolaktin kann z.B. sexuelle Probleme verursachen, etwa bei Männern, die Psychopharmaka ein-nehmen.

Welchen Männern empfehlen Sie eine Messung des Testosteronspiegels?

Einige Patienten werden gezielt mit dieser Fragestellung von ihren Hausärzt*innen zu mir überwiesen. Wenn sie sagen: „Meine Libido ist deutlich zurückgegangen“, ist das für mich ein Leitsymptom – wenn es deutlich ist, und nicht sehr schleichend altersbedingt. In anderen Fällen muss man differenzieren: Was ist wirklich testosteronbedingt?
Antriebslosigkeit kann zum Beispiel psychische Ursachen haben, etwa eine Depression. Eine reduzierte Libido kann auch stressbedingt sein, wenn man Stress im Job hat, viel-leicht auch Stress mit der Partnerin. Zu mir kommen maximal 10 Prozent meiner Patienten mit dieser Fragestellung. Häufiger wird wegen einer reinen Erektionsstörung nachgefragt als wegen Veränderungen der Lust oder anderer Beschwerden.

Spielen auch Leistungsabfall oder Müdigkeit eine Rolle?

Bei Leistungsabfall oder Müdigkeit sollte zuerst ein Check-up beim Internisten oder der Hausärztin erfolgen: kardial, Blutzuckerprofil, allgemeine Laborwerte, Lipide, Cholesterin und so weiter. Wenn dort nichts festgestellt wird, lohnt es sich, hormonell noch einmal genauer hinzuschauen. Ich betrachte Testosteron aber nicht als Wundermittel. Häufig zeigt sich ein völlig normaler Spiegel, und für eine Hormongabe gibt es dann zu wenig gesicherte Langzeitdaten. Wenn man Testosteron von außen zuführt, greift man in die Hormonkaskade mit Hypophyse und Hypothalamus ein, sodass dann über negatives Feedback die körpereigene Testosteronproduktion stark zurückgefahren wird, möglicherweise sogar dauerhaft. Gerade bei jungen Männern, die sich Testosteron vielleicht über Kontakte im Gym, Internetapotheken oder Videosprechstunden besorgen, besteht die Gefahr, dass dadurch die Spermienproduktion eingeschränkt wird oder ganz zum Erliegen kommt. Es kann also sein, dass sie unfruchtbar werden.

Welche anderen Risiken gibt es bei der Gabe von Testosteron? Und gibt es pflanzliche Wirkstoffe, die stattdessen helfen können?

Dazu gibt es widersprüchliche Studien. Lange hieß es, das kardiovaskuläre Risiko steige bei einer Testosterongabe. Neuere Daten aus der TRAVERSE-Studie deuten aber darauf hin, dass sich nur das Risiko für Vorhofflimmern erhöht, nicht aber das kardiovaskuläre Risiko allgemein. Wahrscheinlich sinkt das allgemeine kardiovaskuläre Risiko sogar. Warum das so ist, obwohl oft der Hämatokrit ansteigt, dazu muss man noch weiter forschen. Für den onkologischen Bereich ist wichtig, dass das Wachstum von latenten Prostatakarzinomen durch Gabe von Testosteron befeuert werden kann. Deshalb empfehlen wir in diesen Fällen halbjährliche PSA-Kontrollen und häufigere Vorsorgeuntersuchungen.

Es gibt pflanzliche Stoffe, die in kleinen Studien eine begrenzte Wirksamkeit gezeigt haben. Teilweise hat man schädliche Nebenwirkungen gefunden, wie bei Ashwagandha, einem Wurzelextrakt. Davon rate ich ausdrücklich ab. Bei den anderen Substanzen gibt es leider insgesamt noch zu wenig Daten.

Männer gehen im Vergleich zu Frauen seltener zur Vorsorge. Woran liegt das?

Das ist eine gute Frage. Wenn Männer zu mir zur Vorsorge kommen, dann oft auf Druck der Partnerin. Bei Jüngeren ist inzwischen vielleicht etwas mehr Gesundheitsbewusstsein vorhanden als bei den Älteren. Sie kommen manchmal sogar sehr früh, wenn sie etwas im Internet gefunden oder unspezifische Beschwerden haben. Wichtig sind eine jährliche urologische Vorsorge, der Check-up beim Hausarzt oder der Internistin und ein ausgeglichener Lebensstil mit gesunder Ernährung, Sport und ausreichend Schlaf. Sport scheint einen positiven Einfluss zu haben, ohne in den hormonellen Regelkreis einzugreifen. Er kann den Testosteronspiegel kurzfristig erhöhen. Wenn man sich aber zu sehr verausgabt – etwa beim Marathon-laufen – kann dieser durch vermehrtes Cortisol auch sinken. Auch während des Schlafs, vor allem in REM-Phasen, wird Testosteron produziert. Wenn jemand dauerhaft zu wenig oder schlecht schläft, kann das zu einem Testosteronrückgang und zu Beschwerden führen.

Wie könnte man Männer dazu motivieren, öfter zur Vorsorge zu gehen?

Gezielte Erinnerungsschreiben von den Krankenkassen wie für die Darmkrebsvorsorge könnten helfen. Außerdem wären mehr Aufklärungskampagnen in den Medien wichtig und auch, dass Hausärzt*innen ihre Patient*innen noch häufiger jährlich zur Vorsorge schicken.

Sollte der oder die Urolog*in als Männerarzt oder Männerärztin fungieren?

Es gab immer wieder Bestrebungen von Kolleg*innen, sich als Männerärzt*innen zu titulieren. Ich persönlich finde es schwierig, alle Bereiche medizinisch abzudecken. Für internistische Erkrankungen wie Diabetes oder andere Themen braucht es Kolleg*innen aus anderen Fachbereichen, eventuell auch Sportmediziner oder Endokrinologinnen. Vielleicht müsste man mehr Fortbildungen anbieten. „Männerarzt“ ist kein gesicherter Begriff. Für Patienten wäre eine einzige Ansprechperson einfacher, aber ich finde es für die Qualität der Versorgung besser, je nach Schwerpunkt verschiedene Ärzt*innen einzubeziehen.

Wichtig ist, Männer ernst zu nehmen und gut zu beraten. Männer gehen im Durchschnitt generell nicht so gern zum Arzt – und wenn doch, besteht oft eine Scheu, bestimmte Themen anzusprechen. Häufig rücken sie erst ganz am Ende der Untersuchung damit heraus, dass z.B. ihre Erektionen nicht mehr so gut sind. Dann ist oft zu wenig Zeit für das Thema, weil vorher ein anderer Schwerpunkt gesetzt war. Hausärzt*innen sprechen solche Themen vielleicht nicht immer von sich aus an.

Spielt es vielleicht auch eine Rolle, dass Sie eine Frau sind?

Es kann eine Rolle spielen, aber nach meiner Erfahrung keine große. Manche fühlen sich sogar wohler, einer Frau ihre Probleme anzuvertrauen, weil dann kein männliches Konkurrenzdenken herrscht: Ich muss nicht gegenüber einem anderen Mann zugeben, dass ich in einem bestimmten Bereich eine Schwäche habe. In bestimmten Kulturkreisen bespricht man vielleicht bestimmte Beschwerden ungern mit einer Frau. Aber insgesamt ist das eher selten ein Problem.

Für Mädchen gibt es in München die Mädchensprechstunden. Gibt es etwas Analoges für Jungen?

Jungensprechstunden werden zum Teil angeboten. Wir bieten sie nicht an, aber es macht schon Sinn. Denn gerade viele Jugendliche sind durch Medienhype und Influencer verunsichert und werden damit überwiegend alleingelassen. Spezielle Sprechstunden sind da eine gute Entwicklung.

Welche Anliegen haben Sie an die zuweisenden Ärzt*innen?

Hausärztinnen und Hausärzte sollten regelmäßig an die Vorsorge erinnern. Wenn ein Patient denkt, er habe einen Testosteronmangel, sollten zunächst die wichtigsten anderen Ursachen für eventuell bestehende Probleme ausgeschlossen werden. Sonst befördert man die Entwicklung, dass zu viele denken, alles läge daran. Nach dem Motto: „Wenn der Testosteronspiegel nicht passt, bist du kein richtiger Mann“. Dabei spielen etwa auch bei erektiler Dysfunktion viele Faktoren eine Rolle. Wenn man diese ausgeschlossen hat und trotzdem der Eindruck bleibt, es könnte am Testosteronmangel liegen, ist eine Überweisung zur Abklärung sinnvoll.

Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA 20/2026 vom 03.10.2026