Leitartikel

Alzheimer und Downsyndrom. Mehr Gerechtigkeit in der Versorgung!

Menschen mit Behinderung sind in der Medizin oft schlechter gestellt als andere. So geht es auch vielen Menschen mit Downsyndrom. Warum sie sehr oft Alzheimer bekommen, welche Hoffnungen es in der Forschung gibt und warum diese Patientengruppe trotzdem in Studien kaum vorkommt, erläuterte Prof. Dr. Johannes Levin im Interview mit den MÄA.
Alzheimer und Downsyndrom. Mehr Gerechtigkeit in der Versorgung!
Alzheimer und Downsyndrom. Mehr Gerechtigkeit in der Versorgung!

Foto: Shutterstock

Herr Prof. Levin, Menschen mit Trisomie 21 haben ein sehr hohes Alzheimerrisiko. Woher kommt das?

Die Ursache liegt in der Trisomie 21, weil das Gen für das Amyloid-Vorläuferprotein (APP) auf Chromosom 21 liegt. Aus dem Amyloid-Vorläuferprotein entstehen die Bausteine für die Alzheimer-Plaques. Wenn man zu viele Plaque-Bausteine hat, tritt dieser Prozess erstens sicher im Leben auf und kommt auch noch viel früher als bei anderen Menschen. Auch wenn man dieses Gen z.B. aufgrund einer familiären Mutation dreimal hat, bekommt man auch als Mensch ohne Downsyndrom mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Alzheimer. Bei Menschen mit Downsyndrom ist es mechanistisch eins zu eins das Gleiche: Sie haben ein nahezu hundertprozentiges Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Es gibt zwar einige publizierte Fälle in der Literatur, die keine komplette dritte Kopie des Chromosoms 21 hatten und bei denen dieses Gen fehlte. Sie wurden über 80 Jahre alt und hatten tatsächlich keine Alzheimer-Plaques. Ansonsten findet man aber in den Gehirnen von fast allen Menschen mit Downsyndrom ab 35 oder 45 Jahren Alzheimer-Plaques, auch wenn sie noch nicht krank sind. Der mittlere Erkrankungsbeginn liegt nach großen Krankenkassendaten bei etwas über 50 Jahren, also bei ca. 54 – trotz breiter Streuung.

Würde ein Screening etwas bringen, und was wäre die therapeutische Konsequenz?

Alzheimer ist heute in den westlichen Industrienationen die Haupttodesursache von Menschen mit Downsyndrom. Die Konsequenz ist aus meiner Sicht, dass man screenen und die Menschen in diese Erkrankung hinein begleiten muss. Außerdem sind verstärkte Anstrengungen für Therapiestudien dringend geboten. Im vergangenen Jahr haben wir versucht, über den Innovationsfonds eine Förderung für ein Präventionsprogramm zu bekommen. Das hat aber leider nicht geklappt. Prävention heißt hier aktuell nicht, dass man die Erkrankung verhindern kann, sondern dass man der Krankheit in ihren Stadien adäquat begegnen kann und sie wesentlich weniger schlimm verläuft, wenn man weiß, was wann kommt.

Wie erkennt man Alzheimer-Symptome, und kann man sich hier auch täuschen?

Häufig kommen Menschen mit Downsyndrom mit Ende 40, Anfang 50 zu uns, weil plötzlich eine Verhaltensstörung aufgetreten ist oder weil sie bei ihrer Arbeit in der Werk-statt Probleme haben. Dann ist Alzheimer naheliegend. Gleichzeitig erleben aber viele gerade in diesem Alter biografische Brüche: Ihre Eltern sind meistens schon sehr alt und können sich nicht mehr wie früher kümmern. Deshalb müssen die Menschen vielleicht umziehen und erleben eine völlig neue Lebensrealität. Dann können auch eine Depression oder eine Anpassungsstörung die Veränderungen erklären. Diese sind aber gut behandelbar und reversibel, wenn man sie erkennt.

Ganz allgemein halte ich es für wichtig, Menschen mit Downsyndrom neurologisch ganz genau so zu behandeln wie jeden anderen Patienten auch – mit etwas mehr Zeit, aber sonst genauso. Mit diesem Vorgehen lösen wir Fälle, in denen völlig andere medizinische Probleme die Symptome erklären als zu Beginn angenommen wird. Unser spektakulärster Fall war eine junge Frau mit Downsyndrom, Mitte bis Ende 20, mit einer seit Jahren bestehenden Gangstörung. Über viele Jahre war eine psychosomatische Ursache angenommen worden. Eine genetische Testung zeigte aber schließlich zusätzlich zum Downsyndrom eine hereditäre spastische Paraplegie mit entsprechender Mutation. Viele Erkrankungen oder Behinderungen werden nicht gefunden, wenn man Menschen mit Downsyndrom nicht in ganz normale diagnostische Abläufe einbezieht. Immer wieder finden wir z.B. auch eine schlecht eingestellte Hypothyreose oder ein Schlafapnoe-Syndrom, aber auch Hirntumoren und vieles mehr.

Wie weit ist die Forschung zu Menschen mit Downsyndrom und Alzheimer?

Leider sind wir da sehr hinterher. Gemeinsam mit einem Kollegen aus Barcelona, London und Paris, Dr. Juan Fortea Ormaechea, habe ich das interdisziplinäre europäische Netzwerk Horizon 21 (www.hori-zin-21.org) gegründet. In Paris gibt es eine Kollegin, Dr. Anne-Sophie Rebillat, die jährlich etwa 2.000 bis 3.000 Menschen mit Downsyndrom untersuchen und behandeln kann, weil dies durch eine große Stiftung gefördert wird. In Barcelona gibt es die sehr forschungsstarke Einrichtung des Kollegen Fortea und in Dublin ein nationales Exzellenzzent-rum für Menschen mit Behinderung. Solche Strukturen und großen Stiftungen fehlen leider in Deutschland. Wir versuchen daher, uns zu vernetzen, gemeinsame Angebote zu schaffen und Versorgung mit Forschung zu verknüpfen – auch damit unsere Ambulanz bestehen bleibt.

Gibt es Unterschiede bei der Therapie der Demenz von Menschen mit Downsyndrom?

Leider steht die symptomatische Therapie, etwa mit Donepezil, von der Evidenz her auf sehr viel loserem Fundament. Wir setzen sie ein, und sie funktioniert typischerweise auch sehr gut. Man muss etwas mehr auf Herzfehler und Reizleitungsstörungen achten, aber bisher hatten wir damit keine Probleme. Ein großes Thema sind jetzt die neuen Alzheimer-Therapien. Wir haben hier zwei Präventions-Studien mit Familienangehörigen mit genetischen Alzheimer-Formen. Eine mit amyloidpositiven Menschen, die noch nicht kognitiv krank sind, und eine mit Mutationsträgern, die künftig amyloidpositiv werden. In diesen Fällen versucht man, das Amyloid früh mit Antikörpern abzufangen, sodass die Krankheitskaskade gar nicht erst beginnt.

Denn es gibt Hoffnung: Wir haben inzwischen Substanzen, die klinisch definitiv wirksam sind und das Amyloid sozusagen aus dem Gehirn „herausziehen“ können. Eine sehr frühe Behandlung könnte hier eine Progressionsverlangsamung von bis zu 50 Prozent bewirken, möglicherweise sogar den Ausbruch der Erkrankung um Jahre hinauszögern. Es zeichnet sich also ein Szenario ab, in dem wir eine echte Prävention wissenschaftlich bewirken können und der Krankheitsbeginn signifikant hinausgeschoben wird. Nicht nur verläuft die Krankheit dann insgesamt langsamer, sondern die Menschen gewinnen auch mehr Zeit, bevor sie überhaupt beginnt.

Gibt es dazu auch Studien mit Menschen mit Downsyndrom?

Leider sind sie vom Label der Zulassung ausgeschlossen, obwohl Menschen mit Downsyndrom historisch einen riesigen Beitrag dazu geleistet haben, dass man diese Mechanismen überhaupt erkannt hat. Denn das APP-Gen auf Chromosom 21 wurde vor allem auch deshalb gefunden, weil man wusste, dass Menschen mit Downsyndrom häufig Alzheimer bekommen. Dass sie jetzt nicht an den daraus folgenden Stu-dien und damit den Therapien teil-nehmen dürfen, ist nicht nur ungerecht, sondern auch unvernünftig, weil Menschen mit Downsyndrom uns noch viel mehr über die Entwicklung einer effizienten Prävention zeigen könnten. Allerdings ist auch eine besondere Vorsicht geboten, da sie mehr Gefäßerkrankungen haben und damit vermutlich ein höheres Risiko für die spezifischen Nebenwirkungen. Es braucht also spezielle Programme.

Für viele Medikamente gibt es inzwischen einen „pädiatrischen Entwicklungsplan“ (Pediatric Investigation Plan): Bei Medikamenten, die auch bei Kindern eingesetzt werden könnten, verpflichten die Behörden die Pharmahersteller zu einem speziellen Studienplan für Kinder. Ich bin dafür, solche verbindlichen Entwicklungspläne auch für die kausale Alzheimer-Therapie bei Menschen mit Downsyndrom einzufordern, damit auch diese einen Zugang zur neuesten Therapie bekommen. Dafür braucht es viel Geld, viele Sicherheitsstudien, die Arbeit mit passenden Biomarkern und viel Zeit, um z.B. verschiedene Titrationsschemata und Dosierungen zu testen. Ich bin mir aber sicher, dass wir damit auch bei Menschen mit Downsyndrom in frühen Krankheitsphasen oder präsymptomatisch ein akzeptables Sicherheitsprofil finden und damit eine echte Prävention ermöglichen können. Irgendwann in ferner Zukunft könnten dann auch Menschen mit Downsyndrom regelhaft 80 Jahre alt werden.

Unterscheidet sich die Prognose der Alzheimer-Krankheit bei Menschen mit Downsyndrom von der bei anderen Menschen?

Nicht substanziell. Alzheimer ist eine tödliche Erkrankung. Das muss man sich einfach klarmachen. Laut Daten des Robert-Koch-Instituts liegen die Zehn-Jahres-Überlebensraten bei Krebserkrankten im Durchschnitt erfreulicherweise inzwischen bei etwa 60 Prozent oder mehr. Bei Alzheimer liegen sie mit Sicherheit unter zehn oder sogar unter fünf Prozent. Und das liegt nicht daran, dass die Betroffenen ohnehin alt sind. Auch junge Mutationsträger sterben früh. Die Jüngste, die ich selbst betreut habe, musste schon mit 27 Jahren ins Pflegeheim. Das Gleiche gilt für Menschen mit Downsyndrom. Auch die jung Erkrankten leben in der Regel weniger als zehn Jahre nach der Diagnosestellung.

Was müsste man an der Pflege verändern, und was sind die Herausforderungen beim Advance Care Planning?

Wir möchten Versorgungsgerechtigkeit herstellen. Für die 200 bis 300 Patient*innen aus ganz Deutschland, die wir hier jährlich betreuen, können wir ein gutes Care Planning unterstützen. Aber wir sind quasi ein Elfenbeinturm. Zu uns kommen vor allem Menschen mit Downsyndrom, deren Eltern einen sehr guten Zugang zu wissenschaftlichen Informationen haben, weil sie
z.B. Akademiker*innen sind. Für die vorher erwähnte Studie hatten wir dem Innovationsfonds vorgeschlagen, zur Diagnostik blutbasierte Biomarker zu verwenden. Damit gibt es einen guten Anhaltspunkt, wann Menschen mit Downsyndrom amyloidpositiv werden und, in der Kombination mehrerer Biomarker, auch wann sie erkranken. Diesen Ansatz wollten wir mit Screening-Fragebögen für Angehörige kombinieren, um dadurch herauszufinden, ob und wann sich etwas bei der Kognition verändert hat. Mit diesem Konzept hätten wir in die Fläche gehen und im Rahmen einer Video-sprechstunde wesentlich mehr der ungefähr 50.000 Menschen mit Downsyndrom deutschlandweit versorgen können. Leider wurde das Konzept nicht gefördert. Das liegt unter anderem daran, dass wir bisher noch keine Krankenkasse überzeugen konnten, dieses Konzept mit zu entwickeln. Wir werden es aber weiter versuchen.

Haben Sie Wünsche an die zuweisenden Ärztinnen und Ärzte?

Eine wesentliche Herausforderung ist die große kognitive Heterogenität von Menschen mit Downsyndrom. Es gibt Menschen mit einem fantastischen kognitiven Niveau und andere, die kaum sprechen oder kommunizieren können. Neuropsychologische Testungen sind deshalb sehr komplex, vor allem in der kritischen Altersphase von über 40 Jahren. In dieser Altersgruppe gibt es praktische keine „normale Grundgesamtheit“ zum Vergleich, weil ja fast alle eine APP-Triplikation haben und früher oder später erkranken. Es wäre deshalb gut, bei jedem Menschen mit Downsyndrom bereits mit Ende 20 oder Anfang 30 eine kognitive Testung als individuelle Basis zu machen. Damit könnte man später besser herausfinden: Was hat sich verändert?

Was müsste passieren, damit Menschen mit Behinderung in Deutschland allgemein medizinisch besser betreut werden?

Wir müssen uns als Gesellschaft ändern. Andere Länder und Kulturen sind hier viel weiter, zum Beispiel Spanien. Menschen mit Downsyndrom sind dort Teil der normalen Gesellschaft und allgemein viel präsenter. Dadurch gibt es viel weniger Stigmatisierung. Viele Menschen hierzulande haben noch nie mit einem Menschen mit Downsyndrom gesprochen. Ich bin auch dafür, die Betroffenen nicht zu sehr „in Watte zu packen“, damit sie keine Misserfolge erleben. Man darf im Leben auch mal auf die Nase fallen – das gilt für uns alle – und darf meiner Meinung nach z.B. auch Teil einer schulischen Inklusion sein. Wir hatten hier in der Ambulanz eine Frau, bei der man erst mit Ende 50 erkannt hat, dass sie ein Downsyndrom hat. Sie hatte eine sehr seltene Form, ein Mosaik, und die Diagnostik war früher noch nicht so weit. Diese Frau hatte ein Leben lang auf dem ersten Arbeitsmarkt gearbeitet – und ist dort gut zurechtgekommen.

Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA 16/2026 vom 08.08.2026