Leitartikel

Notärzt*innen und Pflegepersonal in der Pandemie, Geld statt Klatsche(n)

Andreas Mehl, Notarzt und leitender Oberarzt der Anästhesie an der München Klinik Harlaching, erlebt auch nach der dritten Welle jeden Tag, wie das Pflegepersonal an seiner Klinik schwindet. Wenn die Politik nicht bald in die Taschen greift, könnte das bald auch im Notarztbereich passieren, fürchtet er.
Notärzt*innen und Pflegepersonal in der Pandemie, Geld statt Klatsche(n)
Notärzt*innen und Pflegepersonal in der Pandemie, Geld statt Klatsche(n)

Foto: shutterstock

 

Wie ist derzeit die Situation der Notärzt*innen in München?

Gemischt – manche Standorte sind relativ gut ausgestattet. Zunehmend haben aber auch städtische Standorte Probleme, Kolleg*innen zu finden, die als Notärzt*innen fahren möchten. Hier in München sind wir meist an sogenannten „Freizeitstandorten“ organisiert. Das heißt, die Kolleg*innen arbeiten im Nebenberuf als Notärztin oder –Arzt und rechnen ihre Fahrten als Nebeneinkommen selbst mit der KVB ab. Ich z.B. fahre derzeit neben meiner Tätigkeit als leitender Oberarzt in der Anästhesie der München Klinik Harlaching etwa drei bis vier Notarztschichten pro Monat. Nur bei wenigen Kliniken ist dies noch eine Dienstaufgabe, denn finanziell ist es nicht mehr attraktiv. Mit den neuen Tarifverträgen an den Kliniken gibt es außerdem arbeitszeitrechtlich immer mehr Konflikte.

An welchen Standorten ist es besonders schwierig?

Das Problem zieht sich durch die ganze Stadt. Hier am von mir geleiteten Standort in Neuperlach hatten wir bisher zum Glück noch keine größeren Schwierigkeiten. Fast alle anderen Standorte aber konnten schon einmal Schichten nicht mehr vollständig mit eigenen Notärzt*innen besetzen. Noch bekommen wir in solchen Fällen Springer*innen von außerhalb Münchens, weil der Dienst hier in der Großstadt für Externe nach wie vor attraktiv ist. Hier gibt es viele Einsätze, und in Bayern werden wir nach Einsätzen bezahlt, nicht nach Stunden. Trotzdem wird es auch hier immer schwieriger, die Standorte zu besetzen und Nachwuchs zu generieren. Viele Kolleg*innen haben aus meiner Sicht immer weniger Lust, zusätzliche Notarztdienste zu ihrer 40-Stunden-Woche in der Klinik zu schieben.

Ist es aus Ihrer Sicht vor allem ein finanzielles Problem, oder gibt es noch andere Aspekte?

Ich glaube, dass auch die Dienstordnungen in den Kliniken eine Rolle spielen, denn dort müssen viele Abend-, Nacht- und Wochenenddienste geleistet werden. Viele haben dann einfach keine Lust mehr, sich weitere Nächte mit Notarztdiensten um die Ohren zu schlagen. Das Finanzielle ist aber sehr wichtig: Es ist in Bayern nicht attraktiv, Notarztdienste zu fahren. Besonders für Anästhesist*innen gibt es derzeit wesentlich bessere Möglichkeiten, Geld zu verdienen – etwa als Aushilfe bei Narkosen in Privatkliniken, als Praxisvertretung oder derzeit als Impfarzt oder –ärztin.

Was müsste passieren, damit sich das ändert?

Der Notarztdienst in Bayern hat ein gedeckeltes Budget, das von der KVB verteilt wird – nach einem System, das auch die Versorgung an Standorten mit weniger Einsätzen gewährleisten soll. De facto fahre ich hier in München derzeit für 63 Euro pro Einsatz. Ein Einsatz dauert aber je nach Fahrtstrecke um die 1,5 Stunden – also sind es nur rund 42 Euro pro Stunde. Die derzeitige Honorarvereinbarung mit den Kostenträgern ist zum 31.12.2020 ausgelaufen. Zum Jahreswechsel konnte man sich aber leider nicht auf eine neue Vergütung einigen, weil die Kostenträger dies blockiert haben. Gesetzlich gilt in diesem Fall die bestehende Honorarvereinbarung weiter. Aus unserer Sicht ist eine Nullrunde nicht zu akzeptieren. Ich setze mich als Regionalvertreter der Münchner Notärzt*innen in der Vorstandskommission der KVB dafür ein, dass die Verhandlungen mit den Kassen zu einem guten Abschluss kommen.

Was sind die Argumente der Kassen, und was entgegnen Sie?

Die Kassen möchten einfach nicht mehr bezahlen. Ich habe schon Aussagen gehört wie „Sie bekommen doch immerhin mehr als den Mindestlohn“, was natürlich völlig absurd ist. Die Kostenträger berufen sich darauf, dass durch die Coronapandemie nicht mehr Geld zu verteilen sei. Wir sind im internationalen Vergleich aber wesentlich schlechter gestellt als z.B. unsere Kolleg*innen in Österreich. Dort verdient man teilweise zwischen 50 und 100 Euro pro Stunde. Auch im Vergleich zu allen anderen Bundesländern schneiden wir hier in Bayern am schlechtesten ab, etwa im Vergleich zu Sachsen-Anhalt. Wenn man alles zusammenrechnet, erhielt man bisher für die Notarztstunde in Bayern durchschnittlich etwa 34,65 Euro. In Sachsen-Anhalt waren es demgegenüber 45,49 Euro – auch wenn man die Systeme nicht genau vergleichen kann, weil es dort eine Stundenpauschale gibt.

Man könnte einwenden, dass wir gerade alle die Auswirkungen der Coronapandemie spüren und nun eben zusammenhalten müssen...

Es gibt einen bundesweit einheitlichen Notarztkatalog, also eine klare Definition, wann ein Notarzt oder eine Notärztin zum Einsatz kommen muss. Für uns ist nicht nachvollziehbar, warum Notärzt*innen in Bayern billiger sein sollen als etwa in Sachsen-Anhalt. Der zweite Schritt nach der Verhandlung des neuen Geldtopfs wäre, eine neue Verteilung zu beschließen. Aber mit dem bisherigen Honorartopf lässt sich das nicht gestalten. Es ist einfach zu wenig drin.

Wie war die Situation der Notärzt*innen während der Pandemie?

Erstaunlicherweise recht gut. Während der ersten Welle und dem ersten Lockdown waren viele Privatkliniken wegen des Verbots elektiver Eingriffe geschlossen. Dadurch war relativ viel Personal frei, das sich dann wieder in den Notarztdienst eingebracht hat.

In der zweiten und dritten Welle brauchten wir nicht so viele externe Ärzt*innen, weil wir aufgrund des Personalmangels in der Pflege nicht so viele Betten zur Verfügung hatten. Dadurch gab es in den Kliniken wieder mehr freie Ärzt*innen, die Notarztaufgaben übernehmen konnten. Zu Beginn der Pandemie hatte ich allerdings schon etwas Angst, dass wir zu wenige Notärzt*innen haben würden.

Hätte aus Ihrer Sicht etwas während der Pandemie anders oder besser laufen können?

Bei uns Notärzt*innen weiß ich nicht, wie man etwas anders oder besser hätte machen können. Die Beschaffung von Schutzkleidung über das zentrale Katastrophenschutzlager hat gut funktioniert. Natürlich waren wir aber durch Covid stärker belastet als sonst, weil wir immer abschätzen mussten, ob es sich bei neuen Patient*innen um Verdachtsfälle handelte, oder nicht. Und natürlich ist es erheblich beschwerlicher, den ganzen Tag mit FFP2-Maske und Schutzkleidung herumzulaufen, gerade im Sommer. Außerdem mussten und müssen wir teilweise noch immer weite Fahrtstrecken zurücklegen, weil die nächstgelegene Klinik schon mit Covid-Patient*innen voll ist.

Wie ist die derzeitige Situation bei Ihnen auf der Intensivstation?

Die Belastung ist noch nicht vorbei. Wir haben noch immer einige wegen Covid über längere Zeit beatmete Patient*innen – vor allem Jüngere zwischen 40 und 70 Jahren. Auch der Druck von außen nimmt noch nicht ab, weil die Intensivkapazitäten in allen Häusern schwinden. Die Pflege kann einfach nicht mehr. Viele haben ihre Arbeitszeiten reduziert oder den Beruf ganz verlassen. Dementsprechend werden die Intensivbetten in ganz München und auch außerhalb weniger, obwohl es scheinbar weniger Covid-Patient*innen gibt. Insgesamt haben wir einen permanenten Mangel an Intensivbetten – nicht nur für Covid-, sondern auch für andere Patient*innen. Ein Kollege hat mir erzählt, dass er neulich bei einem Herzinfarkt eine halbe Stunde warten musste, bis die Leitstelle ihm ein Zielkrankenhaus nennen konnte. Er stand östlich vor München und sollte eine weitere Dreiviertelstunde bis Großhadern fahren.

Woran liegt aus Ihrer Sicht die Unzufriedenheit der Pflege – eher an der Bezahlung oder an den Arbeitsbedingungen?

Die Bezahlung spielt mit Sicherheit eine große Rolle. Außer Klatschen ist für sie nicht viel „rumgekommen“. Die Berufsgruppe war schon immer unterbezahlt. Angesichts der aktuellen Belastungen zeigt sich jetzt aber noch deutlicher, dass das nicht angemessen ist. Manche Arbeitgeber tun auch nicht wirklich viel, um das Arbeitsleben für die Pflege attraktiver zu gestalten – Stichwort Dienstplanung und Dienstplanungssicherheit. Andererseits: Wenn Mitarbeiter*innen durch Krankheit ausfallen, müssen automatisch weniger Pfleger*innen die gleiche Anzahl an Patient*innen versorgen. Dadurch steigt wiederum die Arbeitsbelastung für die verbliebenen Mitarbeiter*innen. Es ist eine Abwärtsspirale. Wir mussten allerdings schon früher öfter Betten sperren, weil wir nicht genügend Pflegekräfte hatten. Die Pandemie hat diese Situation nur demaskiert.

Was müsste politisch aus Ihrer Sicht passieren?

Der Pflegeberuf muss klar gestärkt werden. Sich ans Fenster zu stellen und zu klatschen genügt nicht, davon wird der Brotkorb nicht voll. Der Beruf ist zu wenig attraktiv für den Nachwuchs. Dadurch steigt die Arbeitsbelastung für die vorhandenen Pflegekräfte immer weiter. Aus meiner Sicht wird das System so irgendwann zusammenbrechen. Der eigentliche Grund für unsere Misere ist ja, dass in unseren Krankenhäusern alles auf Prozess- und Kostenoptimierung sowie maximalen Gewinn ausgerichtet ist. Dahinter steht am Ende das Pauschalierungssystem der DRGs.

Man könnte hoffen, dass sich nach Ende der Pandemie alles wieder entspannt...

Das glaube ich nicht, denn viele Pflegekräfte, die gerade ihre Arbeitszeit reduziert haben, werden diese nicht gleich wieder aufstocken. Und diejenigen, die den Beruf verlassen haben, kommen wahrscheinlich nicht wieder zurück. Ich fürchte, dass wir in der Pandemie viele Arbeitskräfte dauerhaft verloren haben. Es braucht jetzt ein klares Zeichen der Politik, dass Pflege und auch Notärzt*innen mehr wert sind. Wir müssen weg von der Prozessoptimierung und Kostenreduktion. Krankenhäuser und Notärzt*innen sind ein Teil der Daseinsvorsorge, der Grundversorgung. Wir müssen als Staat damit leben, dass dies auch mal etwas mehr kostet.

Wie blicken Sie als Intensivmediziner in die Zukunft?

Sorgenvoll. Mir fehlt die Fantasie, abzuschätzen, wie es weitergeht. Man merkt von Monat zu Monat, wie es schwieriger wird, die Versorgung aufrecht zu erhalten. Unsere Pflegedienstleitung ist derzeit ratlos. Die Behandlung der restlichen Covid-Patient*innen wird sich noch bis weit in den Sommer ziehen. Dann kommt der Herbst, und wir wissen noch nicht, ob es nicht auch noch eine vierte Welle geben wird.

Das Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA Nr. 14 vom 02.07.2021