Dyskalkulie bei Kindern und Jugendlichen. Zahlen verstehen lernen
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Herr Prof. Niklas, wie viele Kinder sind von Dyskalkulie betroffen?
Das hängt davon ab, wie die Dyskalkulie diagnostiziert wird und welches Diagnosekriterium bzw. auch welche Ausschlusskriterien man heranzieht – den ICD-10, den ICD-11 oder den DSM-5. Im Groben kann man aber sagen, dass circa 5 Prozent der Kin-der im Schulalter mit einer Rechen-schwäche leben. In jeder Klasse sitzt also ungefähr ein betroffenes Kind.
Wird diese immer erkannt?
Nein, bei Weitem nicht. Die Rechenstörung erhält insgesamt weniger Aufmerksamkeit als die Legasthenie. Außerdem haben wir in vielen Fällen ein klassisches „Wait-to-fail“-Problem: Die Probleme beim Rechnen werden häufig erst erkannt, wenn das Kind im Unterricht nicht mehr mitkommt, wenn es Aufgaben nicht in der verlangten Zeit schafft oder immer wieder dieselben Fehler macht. Oft ist das erst in der zweiten oder dritten Klasse. Wenn man früher darauf aufmerksam würde und früher Hilfen einsetzen würde, könnten wir oft verhindern, dass sich die Probleme so stark ausprägen.
Woran erkennt man eine Rechenstörung?
Eine Dyskalkulie zeigt sich häufig schon sehr früh. Betroffene Kinder haben keine Vorstellung, kein Gefühl dafür, was Zahlen und Mengen bedeuten. Das lässt sich oft schon im Kindergarten feststellen. Wenn man etwa sagt: „Bring mir bitte mal vier Bauklötze“ und das Kind reicht einfach eine Handvoll, kann das ein Hinweis sein. Auch wenn das Kind einfache Rechenaufgaben nicht versteht wie: „Ich habe hier zwei Bauklötze, tu mal bitte noch zwei Bauklötze dazu“, sollte man genauer hinsehen. Oder wenn in höherem Alter noch zählend gerechnet wird. Denn ab dem Alter von fünf oder sechs Jahren sollten die Kinder eigentlich bereits ein gewisses Zahlenverständnis entwickelt haben.
Welche Folgen kann eine unerkannte Dyskalkulie haben?
Rechnerische und mathematische Fähigkeiten sind eine wichtige Grundvoraussetzung und ein entscheidender Prädiktor für den späteren schulischen Erfolg und sogar das spätere Einkommen. Nicht nur Mathematik und Naturwissenschaften bauen auf Rechenfähigkeiten auf, sondern dies beeinflusst auch andere Fähigkeiten wie zeitliche Orientierung, Kartenlesen oder das Interpretieren von Graphen. Betroffene Kinder entwickeln zudem schnell ein negatives Selbstbild in Bezug auf Mathematik, denn das Versagen „kratzt“ häufig am Selbstwert. Und das kann Schulängste, depressive Verstimmungen oder oppositionelles Verhalten begünstigen. Diese Folgen müssen nicht auf-treten, aber das Risiko dafür ist erhöht. Natürlich gibt es auch Menschen mit einer nicht diagnostizierten und unbehandelten Dyskalkulie, deren Schul- und Berufsweg gut verläuft. Aber das ist eher die Ausnahme und eine frühe Förderung verbessert die langfristige Prognose.
Sind die Ursachen für Dyskalkulie bekannt?
Ähnlich wie bei der Legasthenie gibt es eine große genetische Komponente. Aus Zwillingsstudien wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit einer Dyskalkulie bei einem Kind deutlich höher ist, wenn ein Elternteil eine Rechenstörung hat. Eine genetische Prädisposition ist aber keine Einbahnstraße: Frühe Maßnahmen, Hilfsmittel und Förderung können die Folgen abmildern.
Welche Komorbiditäten gibt es, und wie wird diagnostiziert?
Zu einer umfangreichen Diagnostik gehört eine Intelligenzdiagnostik, um Minderbegabungen auszuschließen, und der Ausschluss körperlicher Ursachen. Kinder mit Dyskalkulie haben manchmal auch gleichzeitig eine Legasthenie. Auch ADHS und andere Verhaltensauffälligkeiten treten gehäuft gemeinsam mit Dyskalkulie auf. Hinzu kommen mögliche Sekundärstörungen wie Schulangst oder depressive Verstimmungen. Es ist in solchen Fällen aber immer die Frage: Was ist die Ursache und was die Folge? Für mathematische Fähigkeiten gibt es altersgerechte Tests für die jeweiligen Klassenstufen, etwa die Deutschen Mathematiktests der DEMAT-Reihe. Auch im Vorschulalter lassen sich schon Fähigkeiten wie das Benennen von Vorgängerzahlen und Nachfolgerzahlen zu einer vorgegebenen Zahl oder erstes einfaches Rechnen standardisiert erfassen.
Wer kann bzw. sollte testen?
Die Diagnostik ist für Fachpersonal vorgesehen, nicht für Eltern oder Erzieher*innen. Diese sollten aber aufmerksam sein, um erste Hinweise nicht zu übersehen. Wenn etwa ein Kind bei einem Würfel- oder Kartenspiel überhaupt nicht versteht, was die verwendeten Zahlen bedeuten, sollte man sich beraten lassen. Kinderärzt*innen können eine erste Anlaufstelle sein. Bei einem konkreten Verdacht braucht es aber eine umfassende Diagnostik durch Kinder- und Jugendpsycholog*innen oder -psychiater*innen.
Was raten Sie Ärztinnen und Ärzten?
Es geht mir vor allem um Awareness: Lernstörungen sind in der breiten Bevölkerung noch zu wenig bekannt, und sie sind sicher auch nicht das Erste, woran Kinderärzt*innen bei Problemen in der Schule oder im Kindergarten denken. Dennoch sollten Ärzt*innen bei der Anamnese nach spezifischen Problemen in diesem Bereich fragen. Könnte eine Dyskalkulie vorliegen, und wie lässt sich das Kind in einem solchen Fall unterstützen? In den ersten drei Lebensjahren lassen sich hierzu wahrscheinlich noch keine genauen Aussagen machen, aber bei den späteren Vorsorgeuntersuchungen können leichte, anschauliche Aufgaben dazu beitragen, das Wait-to-fail-Problem zu umgehen. Zum Beispiel kann man einige Bauklötze vor das Kind hinlegen und es bitten: „Gib mir bitte diese Anzahl.“ Der sprachliche Bereich wird oft besser getestet als der mathematische.
Ab welchem Alter kann man mit der Diagnostik beginnen?
Sobald sich ein Kind sprachlich ausdrücken und gut interagieren kann, sind erste Beobachtungen möglich. Dabei geht es noch nicht um schulische Mathematik mit Symbolen, sondern um Mathematik mit konkreten anschaulichen Materialien: Bauklötze, Autos oder Puppen – irgendetwas, was man zählen kann.
Welche Tipps haben Sie für Lehrkräfte und Erzieher*innen?
Lehrkräfte sollten darauf achten, welche Schwierigkeiten Kinder haben und wie sie diese kompensieren. Denn gerade clevere Kinder haben ihre Tricks und Strategien, um nicht aufzufallen. Manche zählen oder rechnen mit den Fingern und fallen erst auf, wenn zehn Finger nicht mehr reichen oder die Aufgaben komplexer werden. Im Kindergarten kann man Würfelspiele oder Abzählaufgaben einsetzen. Versteht ein Kind z.B. nicht, dass vier Würfelpunkte vier Schritte bedeuten, sollten Erzieher*innen die Eltern darauf ansprechen, ob sie zu Hause Ähnliches beobachtet haben. Lehrkräfte und Erzieher*innen können, wie gesagt, nicht diagnostizieren oder therapieren, aber sie können einen Blick darauf haben und die Familien frühzeitig an Expert*innen weitervermitteln.
Ab wann sollte ein Kind Würfelbilder lesen können?
Das hängt stark von der Erfahrung und der familiären Lernumwelt ab. Hat ein siebenjähriges Kind noch nie einen Würfel gesehen, muss es das natürlich erst lernen. Ein Kind mit vier oder fünf Jahren, kann Würfelbilder in der Regel aber gut erkennen, wenn es damit vertraut ist und die Eltern ihm das Prinzip erklärt haben: „Schau mal, da sind Punkte drauf. Zähl sie einmal.“ So wie das Vorlesen Kompetenzen beim Wortschatz und bei sprachlichen Fähigkeiten wie der Sprachbewusstheit fördert, helfen mathematische Erfahrungen im Alltag: z. B. dass ein Kind beim Einkaufen dabei ist und sieht, was etwas kostet und wie bezahlt wird. Hilfreich ist es auch, Treppenstufen abzuzählen oder beim Tisch decken zu fragen: „Wie viele Teller, Messer und Gabeln brauchen wir?“.
Welche Erkenntnisse haben Sie bei Ihrer Forschung dazu gewonnen?
Unsere Längsschnittstudien zeigen, dass die familiäre Lernumwelt ein signifikanter Faktor ist – auch wenn man den sozioökonomischen Status und einen möglichen Migrationshintergrund der Familien sowie Intelligenz und Geschlecht der Kinder kontrolliert. Die Lernumwelt kann hier einen Großteil der Varianz erklären. In den vergangenen Jahren hatten wir ein großes Projekt zur Interventionsforschung, bei dem wir selbst hochwertige Lernapps entwickelt und in einem randomisierten Design getestet haben. Dabei zeigte sich, dass auch schwächere Kinder, die mit den Lernapps gespielt haben, ihre mathematischen Fähigkeiten deutlich verbessern konnten. In einer anderen Studie haben wir gesehen, dass Eltern, die selbst Probleme mit Mathematik hatten, deshalb mit ihren Kindern seltener mathematische Aktivitäten unternommen haben. Wenn Eltern also selbst Probleme oder Ängste im Umgang mit Mathematik haben, sammeln ihre Kinder im Durchschnitt weniger Erfahrungen in diesem Bereich.
Was tun, wenn die Eltern ihre Kinder nicht unterstützen können?
Dann bleibt nur die Unterstützung von außen. Erzieher*innen und Lehrkräfte können die Eltern z.B. an Lerntherapeut*innen weitervermitteln. Auch Ärztinnen und Ärzte sind wichtige Ansprechpartner*innen. Wichtig ist, dass Kinder nicht bis zur vierten, fünften oder sechsten Klasse „mitgeschleppt“ werden, obwohl sie nicht mitkommen, weil sie sonst Versagensängste und andere Probleme entwickeln können, wie z.B. Depressionen oder aggressives Verhalten. Kinder mit einer entsprechenden genetischen Prädisposition werden durch eine frühe Förderung vielleicht keine Spitzenmathematiker*innen werden. Sie können aber einen deutlich besseren Schulweg absolvieren und bessere Abschlüsse erreichen.
Können Sie Lern-Apps empfehlen?
Unsere eigenen Apps sind leider noch nicht auf dem Markt, weil die Entwicklungskosten sehr hoch sind. In den App-Stores gibt es aber fast eine halbe Million Lernanwendungen für alle Altersklassen. Leider sind nicht alle hilfreich – einige sind sogar kontraproduktiv und verhindern das Lernen eher. Laien können leider oft nicht gut zwischen qualitativ hochwertigen und kontraproduktiven Apps unterscheiden. Ich will keine Werbung machen, aber bei renommierten Lernverlagen ist das Risiko für schlechte Apps tendenziell geringer, weil die Verlage meistens mit Fachkräften zusammenarbeiten. Leider verändert sich der Markt auch durchgehend – manche Apps verschwinden oder werden nicht weiterentwickelt, während täglich neue Apps hinzukommen. Eine Idee wäre, ein Zertifikat für hilfreiche Lernapps zu entwickeln. Dazu sind wir zum Beispiel mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) im Gespräch.
Was wünschen Sie sich von Ärztinnen und Ärzten, unseren Leserinnen und Lesern?
Dass der Blick für Dyskalkulie geschärft wird und das Thema im Hinterkopf bleibt. Ärztinnen und Ärzte müssen bei Kindern sehr vieles beachten. Trotzdem gilt: Jedes Kind, das rechtzeitig Förderung oder Unterstützung erhält, wird einen besseren Schulweg vor sich haben, als wenn frühe Probleme übersehen werden.
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 22/2026 vom 31.10.2026