Hormontherapie - ja oder nein? Wohltemperiert durch den Wechsel
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Frau Kunstein, das Thema Menopause scheint derzeit ein Modethema zu sein. Nehmen Sie das auch so wahr? Und wenn ja, woher kommt das?
Ich empfinde das auch so. Als ich 1998 mit der Gynäkologie begonnen habe, haben fast alle Frauen Hormone bekommen. Und wenn eine Frau damals keine bekam, erschien das fast wie ein Kunstfehler. Allerdings waren viele Präparate damals sehr hoch dosiert, und wurden – heute unvorstellbar! – aus Pferdeurin gewonnen (konjugierte equine Östrogene). Dann wurde im Jahr 2002 die berüchtigte Studie der Women’s Health Initiative (WHI) veröffentlicht, die untersuchte, ob Frauen über 70 im Hinblick auf Herz- und Knochengesundheit tatsächlich noch von einer Hormontherapie profitieren. Diese Studie verunsicherte viele Frauen, weil sie suggerierte, Hormone seien grundsätzlich schlecht.
Zehn Jahre lang bekam danach fast keine Frau mehr Hormone, worunter viele stark gelitten haben. Bis einige endokrinologisch spezialisierte Gynäkolog*innen zu Recht kritisiert haben, dass die Fragestellung falsch war. Es geht uns ja vor allem darum, Frauen zu einer guten Lebensqualität und zu Wohlbefinden zu verhelfen, wenn diese z.B. stark unter Hitzewallungen, Schweißausbrüchen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen oder Gelenkbeschwerden leiden. Inzwischen sind wir leider wieder ins andere Extrem gekippt: Jetzt meint man, man müsse jeder Frau Hormone geben — egal, wie alt sie ist, und egal, ob sie leidet, oder nicht. Das Ganze wird leider auch medial unglaublich gepusht.
Wie meinen Sie das?
Mich stört, dass sich zu viele Leute dieses Themas bemächtigen, die dafür gar nicht qualifiziert sind – irgendwelche „selbst ernannten Expert*innen“ auf TikTok oder Instagram, meist ohne gynäkologische Ausbildung. So werden viele Frauen mit plakativen, einfachen Formeln in die völlig falsche Richtung geführt. Es ist zum Beispiel medizinisch fragwürdig aus dem Speichel den Hormonstatus bestimmen zu wollen. Ich sage zu meinen Patient*innen etwas böse: „Unsere Eierstöcke schwimmen doch nicht im Speichel!“ Und wir behandeln keine Spiegel, sondern Beschwerden! Es gibt auch gar keine verbindlichen Werte, die man erreichen muss. Natürlich kann es sinnvoll sein, für bestimmte Fragestellungen die Hormone zu bestimmen, aber mittlerweile hat sich hierfür ein riesiger Markt entwickelt, und zu viele Frauen zahlen viel zu viel Geld für Selbstzahler-Leistungen. Gleichzeitig werden oft völlig falsche Erwartungen geschürt.
Welche Frauen sollten mit einer Hormonersatztherapie behandelt werden?
Die mit Leidensdruck und die vor dem 40. Lebensjahr auf jeden Fall! Und bitte früh nach Einsetzen der Menopause beginnen, nicht erst mit 65. Ein Drittel aller Frauen hat in den Wechseljahren überhaupt keine Beschwerden, ein Drittel hat leichte und ein Drittel starke. Nicht immer sind es die Hitzewallungen oder die Schlafstörungen, die die Frauen zu uns bringen. Manche Frauen – etwa 10 Prozent – haben starke Gelenkbeschwerden oder depressive Verstimmungen. Wichtig ist aber: Man muss die Frauen immer untersuchen und mit ihnen reden. In einigen Fällen helfen Hormone, in anderen Antidepressiva, manchmal auch beides. Doch viele Frauen vertragen die Hormonersatztherapie nicht, oder sie dürfen keine Hormone bekommen, weil sie z.B. einen hormonsensiblen Tumor wie ein Mammakarzinom hatten. Bei Risikofaktoren muss man Alternativen finden. Insgesamt sollte man weder Angst vor Hormonen schüren noch so tun, als könnten sie jedes Problem lösen.
Wie schätzen Sie das Wissen in der Ärzteschaft zur Menopause ein?
Natürlich kann nicht jede*r alles wissen. Und nicht alle Gynäkolog*innen sind endokrinologisch geschult. Dann sollte man ehrlich sagen: „Das ist nicht mein Spezialgebiet“ und die ratsuchenden Frauen weiterschicken. Die Spezialsprechstunden in München und den Universitäten sind allerdings leider hoffnungslos überbucht. Die Frauenklinik rechts der Isar startet gerade die „W1“, ein vom bayerischen Gesundheitsministerium gefördertes Pilotprojekt zur strukturierten Vorsorge- und Beratungsuntersuchung in den Wechseljahren. Hoffentlich bringt uns das auch in der alltäglichen Versorgungsqualität weiter.
Und wie ist es bei den Patientinnen?
Viele Frauen sind sehr informiert, aber nicht jedes Buch oder jeder Artikel hilft uns wirklich weiter. Ich persönlich bin zum Beispiel nicht begeistert vom Bestseller „Women on Fire“ von Sheila de Liz, weil vieles darin sehr plakativ formuliert und wenig differenziert dargestellt ist. Die Autorin rät zum Beispiel aus-schließlich zu „natürlichen“, bioidentischen Hormonen, und grundsätzlich ist die Nutzung von natürlichen oder naturidentischen Hormone auch sinnvoll. Gerade in der Frühphase der Wechseljahre helfen diese aber oft wenig, weil sie den Zyklus nicht besonders gut stabilisieren. Manchmal braucht es dann eben doch synthetische Hormone und vor allem Gestagene – zum Beispiel, wenn Frauen zu starke oder zu lange Blutungen oder dauernde anhaltende Schmierblutungen haben. Hormone sind außerdem kein Allheilmittel. Man muss den Frauen auch immer sagen: Es kann sein, dass es nicht hilft.
Gleichzeitig sind Hormone Medikamente mit Risiken und Nebenwirkungen – egal, in welcher Form. Ich sage immer: so kurz wie möglich und so niedrig wie möglich, aber so viel wie nötig. Und jedes Jahr reevaluieren: Brauche ich die Hormone noch? Man darf auch nicht übersehen, wie groß der Einfluss anderer Faktoren ist: Stress, Schlaf, Lebenssituation – das alles darf man nicht isoliert betrachten. Ich bin oft erstaunt, wie viele Frauen plötzlich keine Wechseljahresbeschwerden mehr haben, wenn ihre Kinder aus dem Haus sind, sie keine Angehörigen mehr pflegen müssen und der Stress bei der Arbeit nachlässt.
Wann ist eine Hormonbehandlung sinnvoll?
Das Wichtigste für mich ist eine gute Lebensqualität, nach dem Motto: Leiden verboten. Wo kein Leidensdruck ist, besteht auch kein Handlungsbedarf. Das Klimakterium ist kein pathologischer Befund, keine Krankheitsdiagnose. Da könnte man genauso gut sagen, die Pubertät sei eine Krankheit.
Bei Hitzewallungen hilft in der Regel das Östrogen, bei Schlafstörungen das Progesteron. Wichtig ist aber: Man darf das Progesteron allein geben, aber nicht das Östrogen, weil sich sonst die Gebärmutterschleim-haut unkontrolliert aufbaut.
Ich verschreibe die beiden Hormone am liebsten in transdermaler Form. Wenn man allerdings natürliches Progesteron schluckt, schläft man besser. Aber auch eine vaginale Anwendung ist möglich. Über die verhornende Haut wird es dagegen nicht ausreichend für den Endometriumsschutz aufgenommen. Für Patientinnen, die keine Hormone nehmen dürfen und starke Hitzewallungen haben, gibt es außerdem Neurokinin-Rezeptor-Antagonisten. Einer davon ist auch für die Therapie nach Brustkrebs zugelassen, das Elinzanetant. Viele Frauen probieren aber zunächst gern etwas Pflanzliches – etwa Produkte mit Traubensilberkerze, z.B. Remifemin, oder Mönchspfeffer (Agnus Castus) –, aber auch pflanzliche Produkte können Nebenwirkungen verursachen.
Haben Sie weitere Tipps für betroffene Frauen?
Die Lebensführung ist wichtig: viel Schlaf, gesunde Ernährung mit wenig tierischen Fetten, ausreichend Bewegung, ein normales Gewicht, wenig Alkohol. Man muss wirklich sagen: Es ist nicht immer damit getan, ein Medikament aufzutragen oder einzunehmen, sondern man muss auch selbst ein bisschen etwas für sich tun. Sport ist die beste Prävention, nicht nur, aber auch gegen Osteoporose. Schwimmen z.B. ist grundsätzlich super. Gegen Osteoporose helfen aber eher Krafttraining, Walking, Pilates oder Yoga. Es muss immer etwas sein, was einem Spaß macht, sonst tut man es nicht.
Leider gibt es bei uns Gynäkolog*innen für die Hormonberatung keine eigene Beratungsziffer – und das, obwohl es oft zwei, drei, vier oder fünf Kontakte braucht, bis den Frauen wirklich geholfen ist. Es braucht ein Einführungsgespräch, dann wird beraten, ausprobiert, nachjustiert. Ich würde mir wünschen, dass ordentliche Leistung auch angemessen bezahlt wird, fürchte aber, dass daraus angesichts der aktuellen Sparmaßnahmen nichts wird. Viele Frauen weichen deshalb auf Selbstzahler-Sprechstunden aus. Dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden, solange die Bezahlung fair bleibt und nach der GOÄ mit normalen Sätzen abgerechnet wird. Aber wenn für eine Klimakteriumsberatung rund 1.000 Euro verlangt werden und dazu noch die Hormonstatusbestimmung für teuer Geld verkauft wird, würde ich sehr große Zurückhaltung anmahnen. Es ist übrigens auch nicht notwendig, natürliche oder naturidentische Hormone individuell anmischen zu lassen. Es gibt genügend fertige Präparate, die Kassenleistung sind.
Patientinnen, die sich außerhalb der regulären Sprechstunden fachgerecht und unabhängig informieren möchten, empfehle ich gern den Podcast „Hormongesteuert“ mit der Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft e.V., Dr. Katrin Schaudig (s. QR-Code).
Wie wägen Sie Nutzen und Risiken ab?
Wenn es einen medizinischen Grund gibt, also wenn starke Beschwerden vorliegen und wenn der Einsatz von Hormonen grundsätzlich medizinisch gerechtfertigt ist, dann wird man Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Aber wir brauchen immer einen Grund für diese Behandlung. Hormone sind keine Bonbons. Ich bin eine große Freundin der lokalen Östrogentherapie, weil viele Frauen nach der Menopause unter Trockenheit, Schmerzen, Infektionen und Blasenproblemen leiden. Dann haben sie Schmerzen im Vulvabereich und können ihr Liebesleben nicht mehr pflegen.
Solche östrogenhaltigen vaginalen Cremes gebe ich häufig auch präventiv mit. Wenn man sie vernünftig anwendet und nicht zu viel aufträgt, ist das sogar nach einer Brustkrebserkrankung gut möglich, das haben Studien gezeigt. Und was mir wichtig ist: Wir sollten die Frauen nicht pathologisieren. Die Menopause ist ein normaler Lebensabschnitt, und irgendwann sind die Beschwerden weg. Wir müssen lernen, damit umzugehen und offen darüber zu sprechen, auch mit den Männern.
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 13/2026 vom 27.06.2026