Opfer der NS-"Euthanasie". Wo sind sie geblieben?
Frau Dr. von Tiedemann, welches Anliegen verfolgen Sie mit diesem Podium?
Tiedemann: Schätzungen zufolge hat im erweiterten Familienkreis etwa jede*r achte Deutsche ein NS-„Euthanasie“-Opfer. Dennoch ist es für viele Angehörige bis heute schwierig, Informationen über das Schicksal ihrer Verwandten zu erhalten. Es fehlen zentrale Anlaufstellen, die Recherche erfordert oft viel Eigeninitiative und man ist meistens alleine damit. Mit dem Podium möchten wir Angehörige – und Menschen, die eine Betroffenheit vermuten – ermutigen, sich auf die Suche zu begeben. Gleichzeitig wollen wir als Gedenkinitiative vermitteln, dass wir unterstützen: bei der Recherche, aber auch bei der persönlichen Aufarbeitung. Im Zentrum der Veranstaltung stehen daher vier Angehörige, die ihre Geschichten und Erfahrungen teilen. Ihre Perspektiven geben den Opfern eine Stimme jenseits der Täterüberlieferung.
Warum ist die Recherche auch mehr als 80 Jahre nach Kriegsende noch so schwierig?
Tiedemann: In den letzten Jahren hat sich einiges verbessert: Kliniken wie das Isar-Amper-Klinikum geben Informationen auf ihrer Website, Gedenkbücher sind erschienen, das Thema ist deutlich präsenter. Den-noch fehlt es weiterhin an Strukturen und zentralen Ansprechpartner*innen. Angehörige müssen oft wissen, wo sie suchen müssen – und bleiben mit ihren Fragen und dann auch mit den Quellen nicht selten allein. Genau hier setzt die Gedenkinitiative an: Wir unter-stützen bei der Recherche und schaffen Räume für Austausch und Vernetzung der Angehörigen. Das Podium ist ein wichtiger Schritt, die-se Unterstützung sichtbarer zu machen.
Welche Rolle spielen Angehörige in der Erinnerungskultur?
Tiedemann: Eine zentrale. Angehörige eröffnen Perspektiven, die über die oft dominierende Täterüberlieferung hinausgehen. Sie bringen Fotos, Briefe und familiäre Erinnerungen ein – und damit ein persönliches Wissen, das sonst verloren ginge.
Zugleich zeigen sich in ihren Berichten auch die langfristigen Folgen der Verbrechen: Verdrängung, Schmerz, Sprachlosigkeit. Wenn wir diese Sprachlosigkeit überwinden, dann hilft das den Familien. Es holt aber auch die Opfer wieder zurück in die Gesellschaft. Angehörige sind daher wichtige Träger und Impulsgeber der Erinnerungskultur.
Uns ist dabei wichtig zu betonen: Auch Ärzt*innen können Angehörige von NS-„Euthanasie“-Opfern sein. In der Geschichtswissenschaft werden die Ärzteschaft und die ärztlichen Organisationen vor allem als Nachfolgeinstitutionen der Täter
thematisiert. Das greift aus unserer Sicht zu kurz. Etliche Engagierte in der Gedenkinitiative – auch auf unserem Podium – sind Ärzt*innen, haben damit natürlich auch nochmal einen ganz eigenen Zugang zum Thema und können ihren Patient*innen diese Perspektive aufzeigen.
Frau Dr. Baum, Sie werden ja im Alten Rathaus auf dem Podium sprechen. Warum ist Ihnen dies ein Anliegen?
Baum: Ich möchte, dass die Geschichte, dass unsere Vergangenheit, weiter lebendig bleibt. Das Thema der NS-Verbrechen, der NS-„Euthanasie“, hat auch heute nichts an Bedeutung verloren. Bei diesem Thema zeigt sich ein Großteil der Jugend aufgeschlossen, wie ich beim Schulprojekt „Das Schweigen brechen“ der Gedenkinitiative fest-stellen konnte. Anhand einzelner Schicksale wird vieles klarer als durch plakative Aufrufe wie „Aus der Geschichte lernen“ oder „Nie wie-der!“. Gerne spreche ich im persönlichen oder öffentlichen Rahmen auch über das Schicksal meiner Tante Anneliese. Nicht die Schuldfrage an den schrecklichen Verbrechen soll im Mittelpunkt stehen, sondern es soll Verständnis geweckt werden für alle, die „mit Einschränkungen“ trotzdem ein lebenswertes Leben führen. Das Urteil „lebensunwert“ ist vernichtend!
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 08/2026 vom 18.04.2026