GesundheitsTreffs der Stadt München. Medizinischer "Satellit"im Quartier
Herr Dr. Scelsi, was macht der GesundheitsTreff in Neuperlach?
Mit den GesundheitsTreffs will die Stadt München Bewohner*innen in Stadtteilen mit erhöhten gesundheitlichen Herausforderungen gezielt unterstützen. Wir arbeiten aktuell beratend, nicht kurativ. Zu mir als Arzt kommen in Neuperlach Patient*innen aus allen Lebenslagen und Altersstufen, und auch mit allen medizinischen Anliegen ähnlich wie in einer Hausarztpraxis. Unsere Sozialarbeiter*innen und unsere medizinischen Fach-angestellten (MFA) bieten soziale und psychosoziale Beratung an, sowie aktive Unterstützung zur Gesundheitsförderung. Diese sind z.B. Gruppenangebote für Bewegung, Ernährung und Entspannung. Wir bilden auch „Gesundheitslotsinnen“ aus, das sind freiwillig Engagierte aus dem Stadtteil, die mit ihrer Sprach- und Kulturkompetenz die Bewohner*innen in Neuperlach in Gesundheitsfragen unterstützen und so Lotsinnen im Gesundheitssystem sind. In den Gesprächen mit den Patient*innen beraten wir nicht nur, sondern erfassen auch den konkreten Bedarf im Stadtteil. Dabei geht es nicht nur um Haus- und Kinderarztdichte und therapeutische Angebote im Stadtteil, sondern auch Bedarfe zur Gesundheitsförderung und Gesundheitsberatung. Als GesundheitsTreff, versuchen wir durch gezielte Angebote mit unseren Kooperationspartner*innen z.B. Patient*innenberatung, Suchtberatung, Hebammen oder Selbsthilfe die Gesundheitslandschaft im Stadtteil zu verbessern.
Wie sind die GesundheitsTreffs entstanden?
Das Gesundheitsreferat wertet laufend verfügbaren Daten aus und führt Gespräche mit Fachkräften und Bewohner*innen in den Stadtteilen. Auf Basis mehrerer Faktoren – wie z.B. Bevölkerungs- und Altersstruktur, Migrationshintergrund, Arztdichte – werden Regionen mit gesundheits-bezogenen Herausforderungen identifiziert. Für einige dieser Gebiete hat der Stadtrat die Einrichtung von GesundheitsTreffs beschlossen. Aktuell gibt es vier GesundheitsTreffs in München. Im Hasenbergel, gibt es bereits seit 50 Jahren einen GesundheitsTreff, der damals als Kinder- und Jugendgesundheitsberatung gegründet wurde und seit einigen Jahren zum GesundheitsTreff, wie wir sie heute kennen, weiterentwickelt wurde. Im Jahr 2024 eröffnete der GesundheitsTreff in der Messestadt-Riem und 2025 in Neuperlach. Für den neuen Stadtteil Freiham rechnen wir mit einer Eröffnung des GesundheitsTreffs im Jahr 2026. Zusätzlich gibt es einen mobilen GesundheitsTreff in Moosach.
Welche Ärzt*innen arbeiten bei den GesundheitsTreffs?
Wir sind Fachärzt*innen für Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Kinder- und Jugendmedizin oder praktische Ärzte. Ich selbst bin Allgemeinmediziner und zusätzlich Facharzt für Arbeitsmedizin. Wir tauschen uns regelmäßig über unsere Arbeit in den jeweiligen GesundheitsTreffs aus und arbeiten als Fachteam zusammen. So ergänzen wir uns mit unseren unterschiedlichen Schwer-punkten. Viele von uns haben Erfahrung in sozialmedizinischen Grenzbereichen, etwa in der Suchtmedizin, der Flüchtlingshilfe oder im Justizvollzug. Wir bringen eine hohe Motivation mit, die für die Arbeit in den GesundheitsTreffs wichtig ist. Die Hauptzielgruppe, die wir ansprechen wollen, sind sozioökonomisch benachteiligte Menschen, oft mit Migrationshintergrund, die kaum im Gesundheitssystem verortet sind. Ein zentrales Thema scheint die Zeit zu sein. Ja, das ist einer unserer Unterschiede zu einer Hausarztpraxis, wie ich aus eigener langjähriger Erfahrung bestätigen kann. Dort ist die Zeit für einzelne Patient*innen aufgrund der hohen Belastung für die Kolleg*innen beschränkt. Wir nehmen uns mehr Zeit für unsere Beratungen. Als städtische Mitarbeiter*innen unterliegen wir nicht dem selben ökonomischen Druck, wie eine Arztpraxis. Das verändert die Beratungsmöglichkeiten grundlegend.
Wen beraten Sie konkret?
Grundsätzlich alle Menschen– mit oder ohne Termin und auf Wunsch anonym. Asylbewerber*innen ohne Krankenversicherung beraten wir genauso wie Privatversicherte. Der Schwerpunkt liegt aber auf Menschen, die entweder noch nie Zugang zum Gesundheitssystem hatten, oder wieder einen finden müssen. Der Zugang zum GesundheitsTreff ist sehr niedrigschwellig. Wir erklären z.B. Befunde oder Arztbriefe und helfen bei Anträgen, etwa bei Pflegeeinstufungen oder Schwerbehindertenanträgen. Auch zu Reha Fragen beraten wir und erklären das Prinzip „Reha vor Rente“. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Versorgungsangebote es gibt und wie sie sich unterscheiden. Neben der fachlichen Beratung, die wir als Ärzt*innen anbieten, sind wir auch z.B. in der Beratung und Testung sexuell übertragbarer Erkrankungen und der Impfberatung und Impfung tätig. Außerdem führen wir besonders mit psychisch belasteten Menschen entlastende Gespräche. Wir können stabilisieren, einordnen und weitervermitteln. Allerdings sind wir keine Psychotherapeut*innen. Wir helfen in Krisen, damit Menschen Zugang zu stationären oder langfristigen ambulanten Angebote bekommen.
Wer kann zu Ihnen kommen?
Jede Münchnerin und jeder Münchner – auch von außerhalb des jeweiligen Stadtteils. Unsere Beratung ist grundsätzlich kostenlos. Darüber hin-aus gehen wir auch in andere soziale Einrichtungen im Stadtteil, z.B. einem Alten und Servicezentrum und halten dort Vorträge, wie etwa zu Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Demenz oder Impfungen. Zudem bieten wir offene Sprechstunden in sozialen Einrichtungen an.
Sehen Sie sich als Konkurrenz zu niedergelassenen Praxen?
Nein, wir sind kein Ersatz für eine Hausarztpraxis. Wir stellen z.B. keine Kassenrezepte oder Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus. Unser Auftrag ist es eine niederschwellige und interdisziplinäre Anlaufstelle für alle Fragen rund um das Thema Gesundheit zu sein, wenn möglich Lücken im System zu schließen und Menschen wieder in die reguläre Versorgung zu integrieren. Wir verknüpfen den medizinischen Sektor im Stadtteil mit Angeboten im sozialen Bereich. Insgesamt sehen wir uns als Ergänzung zu den Niedergelassenen. Ärztinnen und Ärzte können uns Patient*innen zur Beratung schicken, für die im Praxisalltag oft die Zeit fehlt. Bei komplexen medizinisch sozialen Fragestellungen bieten wir Case-Management. Am Ende sparen wir den Praxen Zeit und helfen den Patient*innen, besser im System anzukommen. Wir arbeiten hier gerne mit den Kolleg*innen der Praxen in unseren Stadtteilen zusammen.
Was hat Sie persönlich motiviert, im GesundheitsTreff zu arbeiten?
Lange Zeit hatte ich selbst eine eigene Praxis. Die zunehmende Bürokratie, die finanzielle Verantwortung und das Haftungsrisiko wurden für mich neben dem Familienleben aber immer belastender. Fachlich war die hausärztliche Medizin das Schönste, was ich über die Zeit beruflich gemacht habe. Aber die Rahmenbedingungen haben es mir immer schwerer gemacht.
Der GesundheitsTreff ist für mich die Synthese meiner beruflichen Erfahrungen und persönlichen Fähigkeiten: medizinische Arbeit, soziale Verantwortung und interdisziplinäre Zusammenarbeit – in einem Angestelltenverhältnis und bei einem Arbeitgeber, der hinter mir steht.
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 07/2026 vom 04.04.2026