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Deutscher Ärztetag 2026. Weiterbildung im Fokus

Was zunächst eher bürokratisch klingt, hat viele Auswirkungen auf angehen-de Fachärztinnen und -ärzte: die (Muster-)Weiterbildungsordnung (MWBO). Sie war dieses Jahr ein wichtiges Thema beim Deutschen Ärztetag in Hannover. Was sich künftig ändern wird und wie dies die Medizin der Zukunft verändern kann, erklärte die ÄKBV-Vorständin Dr. Sonja Schniewindt im Interview mit den MÄA.

Frau Dr. Schniewindt, was wurde beim Deutschen Ärztetag im Hin-blick auf die Weiterbildungsordnung beschlossen?

Bisher ging es bei der MWBO vor allem darum, bestimmte Methoden und Handlungskompetenzen zu erwerben. In Hannover aber entschieden sich die Abgeordneten für ein ganz neues ärztliches Selbstverständnis: das mittlerweile international anerkannte CanMEDS-Modell, das ursprünglich aus Kanada stammt. Das ist spannend, denn Ärzt*innen definieren sich dabei nicht nur als medizinische Expert*innen, sondern auch als Kommunikator*innen, Teamplayer, Führungskräfte, Patientenvertreter*innen, Lehrende und Lernende. Auch wie man im Kontext der Digitalisierung professionell handeln kann, lernen die Weiterzubildenden künftig systematisch. All diese Haltungen und Rollen sind fachunabhängig. Gemeinsam sollen sie eine patientenzentrierte, interprofessionelle Versorgung sicherstellen. Ich fand es sehr wichtig, dass wir unser professionelles Selbstverständnis so deutlich formuliert und festgehalten haben.
In Hannover ging es außerdem darum, die Systematik weiter zu verschlanken. Letztes Jahr hatten sich die Delegierten für eine neue Systematik bei den Zusatzweiterbildungen (Abschnitt C) entschieden. Dieses Jahr standen die Gebiete im Abschnitt B im Vordergrund, also Facharzt- und Schwerpunktkompetenzen. Auch wenn diese Einzelheiten etwas „trocken“ wirken, so haben sie doch praktische Auswirkungen auf diejenigen, die diese Weiterbildungen absolvieren. Die Abgeordneten beschlossen z.B. beim Facharzt (FA) für öffentliches Gesundheitswesen und beim FA für Pharmakologie die (Mindest-)Weiterbildungszeiten zu verkürzen. Bei anderen Facharztbezeichnungen wurde z.B. das Fremdjahr verkürzt oder der verpflichtende stationäre Abschnitt im jeweiligen Fachgebiet angepasst. Der FA für Biochemie wurde komplett gestrichen. Letztes Jahr hatte der Ärztetag den Vorstand gebeten, zu prüfen, ob die Zusatzweiterbildung Geriatrie für alle an der unmittelbaren Patientenversorgung beteiligten Fachärzt*innen geöffnet werden kann. Diese Änderung hat der Deutsche Ärztetag in Hannover jetzt beschlossen.

Warum sind die neuen Systematiken so wichtig – und eine Abkehr von der bisherigen Praxis?

Von einer Abkehr würde ich nicht sprechen. Eher von einer Fortsetzung des Wegs, den man mit der Einführung der (Muster-)Weiterbildungsordnung 2018 eingeschlagen hat. Die Weiterbildungsordnung ist ja eher eine Art „Living Guideline“, die ständig Anpassungen erfährt. Seit der Einführung 2018 steht der Kompetenzerwerb im Vordergrund, was sich auch sehr gut an den erteilten Befugnissen ablesen lässt. Nicht jede*r darf mehr bei allen Kompetenzen weiterbilden, sondern es wird über jede Kompetenz einzeln entschieden, ob sie an einer WBO-Stätte erworben werden kann, oder nicht. Wichtig ist: Die Ärzteschaft ist über die Organe der Selbstverwaltung das bestimmende Organ für die Weiterbildung. Wir beschließen selbst, welcher Facharzt oder welche Fachärztin welche Kompetenz erwerben muss. Dies geschieht natürlich in enger Absprache mit den einzelnen Fachgesellschaften und Verbänden, aber das letzte Wort haben wir Abgeordnete der Ärztetage. Die Änderungen in den Fächern Neurologie und Psychiatrie wurde daher auch sehr lebhaft diskutiert. Das Plenum brachte aber auch das wichtige Thema „Umgang mit Todes- und Suizidwünschen ein-schließlich Grundlagen der Suizidprävention“ ein.

Was ist Ihr wichtigstes Anliegen im Hinblick auf die Weiterbildung?
Gab es hierzu auch Beschlüsse?

Mir ist wichtig: Weiterbildung darf nicht nur auf dem Papier existieren. Eines der größten Probleme ist die fehlende Finanzierung der Weiterbildung. Dies führt leider dazu, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer noch eine große Kluft herrscht. Aufgrund des ökonomischen Drucks und wegen Zeitmangels leidet die Weiterbildung meist als erstes. Natürlich gab es auch hierzu wieder Anträge, so wie auf jedem Ärztetag der vergangenen Jahre. Leider hatten wir auch bei diesem Ärztetag nicht ausreichend Zeit, um alle Anträge einzeln aufzurufen, obwohl ein ganzer Tag für die Weiterbildung zur Verfügung stand. Am Ende wurden aus Zeitgründen viele spannende Anträge gesammelt an den Vorstand überwiesen, darunter auch solche, die sich mit den Auswirkungen der Krankenhausreform auf die Weiterbildung oder mit der Qualitätssicherung in der Weiterbildung beschäftigen. Ich bin sehr gespannt, was wir auf den kommenden Ärztetagen hierzu vom Vorstand der Bundesärztekammer hören werden. Durch die vielen eher formalen Änderungen auf dem diesjährigen Ärztetag haben wir aber nun hoffentlich den Raum, auch über die didaktische Ausgestaltung der Weiterbildung zu reden. Nicht nur der medizinische Standard entwickelt sich weiter. Kompetenzen könnten künftig ganz anders erworben und die Weiterbildung anders gestaltet werden. Mit ihrem Vortrag in den Blick genommen haben das insbesondere Prof. Dr. Jan-Henrik Herrmann und Dr. Hans-Albert Gehle, die beiden Vorsitzen-den der Ständigen Konferenz (StäKo) „Ärztliche Weiterbildung“ der Bundesärztekammer. Wie wollen wir künftig Fallsammlungen in die Weiterbildung integrieren? Wie bringen wir neue didaktische Methoden wie Simulationen und Skills-Labs ein? Wie dokumentieren wir den Fort-schritt von Weiterzubildenden, und wie geben wir Feedback? Stellen wir uns einer Evaluation?
Solche Überlegungen knüpfen auch an internationale Standards in der Aus- und Weiterbildung an: So wird beispielsweise in den skandinavischen Ländern Feedback häufig deutlich strukturierter und entwicklungsorientierter gestaltet. Und während bei uns oft noch das Motto „See one, do one, teach one“ nach-wirkt, orientieren sich moderne Weiterbildungscurricula zunehmend am Konzept der „Entrustable Professional Activities (EPAs)“, die Kompetenzentwicklung und Verantwortungsübernahme deutlich differenzierter begleiten. Didaktische und strukturelle Ansätze für eine moderne, kompetenzorientierte Weiterbildung gibt es bereits. Nun gilt es, sie auch in der Weiterbildungsordnung zu verankern. Auf die kommenden Ärztetage bin ich daher sehr gespannt.

Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler

MÄA 12/2026 vom 12.06.2026

 

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