Seniorpartner in School. Zuhören, mitfühlen, vertrauen
Frau Horsmann-Blauth, wie und aus welchem Anlass ist der Verein entstanden?
Der Verein wurde 2001 in Berlin von einer Mutter gegründet, um die Generationen miteinander zu verbinden und die Schüler*innen bei der friedlichen Lösung ihrer Konflikte zu unterstützen. Viele Kinder sind heute in Ganztagsschulen untergebracht, die wenigsten haben noch Großeltern in ihrer Nähe, und häufig sind beide Eltern berufstätig. Der Input von Menschen mit Lebenserfahrung und Zeit ist deshalb wertvoller denn je.
Was sind die Ziele von „Seniorpartner in School“?
Die Kinder sollen lernen, Konflikte auf andere Weise zu lösen als durch Schlagen, Beleidigen oder Rückzug. Sie kommen mit konkreten Streitigkeiten zu uns, und wir begleiten sie durch eine Mediation auf dem Weg zu tragfähigen Kompromissen. Dazu arbeiten wir mit der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg – ohne Schuldzuweisungen. Stattdessen gehen wir sehr schnell auf die Gefühlsebene, denn Gefühle sind Wegweiser zu unseren Bedürfnissen. Wenn die Kinder hören, wie es den anderen geht und welche Bedürfnisse dahinterstehen, finden sie eigenständig Lösungen, erleben Selbstwirksamkeit – und positive Gefühle. Denn von Erwachsenen vorgegebene Lösungen tragen oft nicht.
Wie viele Schulen betreuen Sie derzeit, und wie groß ist Ihr Netzwerk?
Wir sind mittlerweile in 14 Bundesländern vertreten, haben rund 70 Standorte und arbeiten bundesweit an etwa 420 Schulen. In München allein sind wir an rund 30 Schulen aktiv, und es gibt eine lange Warteliste. Wir sind ständig auf der Suche nach Freiwilligen, die sich zu ehrenamtlichen Mediatorinnen und Mediatoren ausbilden lassen möchten.
Wer kann Mediator*in werden?
Interessierte sollten einmal pro Woche an einem Vormittag von 8 bis 13 Uhr sicher und verlässlich Zeit haben. Denn die Kinder bauen eine Bindung zu uns auf und warten auf uns. Ausnahmen, etwa bei Urlaub, sind aber möglich, wir haben einen Vertretungspool. Unsere Ehrenamtlichen sind in der Regel zwischen 55 und 75 Jahre alt. Diese Altersgruppe hat meistens viel Lebens- und Berufserfahrung, und die Tätigkeit als Mediator*in ist mit einem Vollzeitjob nicht vereinbar. Es gibt aber keine formalen Ausschlusskriterien – auch Jüngere können sich bei uns melden.
Welche Voraussetzungen sollten Ehrenamtliche mitbringen?
Neben Zeit und Verlässlichkeit braucht es die Bereitschaft, sich auf etwas ganz Neues einzulassen. Alle Mediator*innen durchlaufen vor ihrem Einsatz eine anspruchsvolle Ausbildung, an zwölf ganzen Tagen mit vier Modulen. Unsere Haltung in der Mediation – allparteilich, empathisch, verständnisvoll – ist für viele Menschen zunächst ungewohnt. Ich bin selbst ein sehr lösungsorientierter Mensch, und anfangs war es für mich eine Herausforderung, mich mit eigenen Vorschlägen zurückzuhalten und die Kinder zu begleiten, bis sie selbst ihre Lösung finden. Aber das kann man lernen.
Was haben die Kinder von diesem Angebot?
Wir nehmen uns eine ganze Schulstunde Zeit für sie. Die Kinder erleben einen geschützten Raum, den wir „Raum der guten Lösung“ nennen. Sie erfahren, dass ihnen zugehört wird, sie gesehen werden und wichtig sind. Und sie lernen, anderen zuzuhören und sie zu verstehen. Dabei erleben sie, wie gut sich eine Lösung anfühlt. Und wenn sie das Gelernte zurück in die Klasse tragen, wirkt sich das auch positiv auf das Klassenklima aus.
Was gewinnen die Ehrenamtlichen?
Sie erleben eine unglaubliche Sinnhaftigkeit ihres Tuns und kommen in eine Community. In unserem Münchner Verein arbeiten etwa 80 aktive Mediatorinnen und Mediatoren – hoch interessante Menschen mit vielen verschiedenen Lebenserfahrungen. In den ersten Jahren nach dem Ruhestand fehlen oft der mentale Input, eine verbindliche Aufgabe und ein soziales Miteinander. Das Risiko für eine beginnende Demenz steigt. Es gibt Untersuchungen, dass Ehrenämter zur Demenzprophylaxe beitragen. Für mich persönlich ist die Arbeit mit Kindern besonders wichtig, weil man ihnen etwas mitgeben kann, das sie ein Leben lang begleitet.
Wie kommen die Kinder zu Ihnen?
Die Kinder melden sich selbst über einen Briefkasten in der Schule bei uns an, eine Verbindungslehrerin macht dann einen Terminplan. Für eine Mediation haben wir eine Unterrichtsstunde Zeit. Die Lehrkräfte unterstützen unsere Arbeit, weil sie wissen, dass Kinder durch ungelöste, unterschwellige Konflikte im Unterricht unaufmerksam sind. Und die Kinder kommen gerne zu uns, weil sie bei uns nicht erzogen, verurteilt oder bestraft werden. Wir sind ja weder Eltern noch Lehrkräfte.
Gibt es auch Herausforderungen?
Bestimmte Gruppensituationen können schwierig sein. Ein klassischer Konflikt ist z.B. dass drei oder vier Mädchen in der Pause nur miteinander spielen möchten und ein anderes sich dadurch ausgeschlossen fühlt. Wir betrachten dann gemeinsam die Bedürfnisse der Mädchengruppe, aber auch die Gefühle des „ausgeschlossenen“ Mädchens. Eine Herausforderung ist es auch, wenn Kinder noch nicht bereit sind, einer Mediation zu folgen, z.B. unruhig sind, nicht zuhören können oder sprachliche Defizite haben. Solche Fälle besprechen wir in unseren Intervisionsgruppen und Fortbildungen, denn die Unterstützung des Vereins endet nicht mit der Ausbildung. Bei den Viertklässlern sehe ich inzwischen aber sehr deutlich, dass sie verstanden haben, worum es geht: Respekt, Fairness und einen guten Umgang miteinander.
Wie kann man sich engagieren, und wie läuft der Einstieg ab?
Interessierte können direkt Kontakt zu mir aufnehmen. Gerne führe ich ausführliche Gespräche im Vorfeld, denn wir ermöglichen ein ganz besonderes Ehrenamt. Zweimal im Jahr bieten wir unsere Ausbildung an, die nächste startet im April. Zusätzlich gibt es eine Informationsveranstaltung am 17. März, und wir sind auf der Freiwilligenmesse im Münchner Rathaus am 15. März präsent. Wenn man es hoch hängen will, üben wir mit den Kindern Demokratie. Wir zeigen, dass man unterschiedliche Interessen verstehen und gemeinsam Lösungen finden kann, statt immer nur zu polarisieren. Dieses bürgerschaftliche Engagement und die Möglichkeit, Andersdenkende zu verstehen brauchen wir in Zukunft mehr denn je.
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 03/2026 vom 07.02.2026