Update Notfallversorgung bei der 160. Delegiertenversammlung. Wie steuern wir Patient*innen?
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Die Delegierten blickten auch auf eine frühere Veranstaltung zur Notfallversorgung im November 2023 zurück, bei der damals Christof Constantin Chwojka seine Erfahrungen mit der Patientensteuerung bei der Gesundheitsleitstelle Notruf Niederösterreich geschildert hatte (s. MÄA 01/2024). Was hat sich seither verändert, wie funktioniert die Notfallversorgung derzeit in München und wo bestehen weiterhin strukturelle Herausforderungen? Diese Fragen stellte sich die DV.
Über eine Umfrage unter den Not-aufnahmen von sieben Kliniken unter universitärer, kommunaler und privater Trägerschaft berichtete Sebastian Helber, Chefarzt in der zentralen Notaufnahme der München Klinik Neuperlach. „Die Lage in den Häusern ist nicht gleich“, sagte Helber. „Es gibt einzelne Standorte, die die Situation als stabil und okay empfinden. Andere schildern die Lage als deutlich angespannter“. Und es handele sich nur um ein praxisnahes Meinungs- und Stimmungsbild, nicht um eine wissenschaftliche Erhebung. Dennoch gebe es einige auffällige Konstanten.
„Grundsätzlich funktioniert die Notfallversorgung in München“, sagte Helber. Vor allem bei akuten Notfällen wie Schlaganfall und Herzinfarkt würden Patient*innen in München schnell in Kliniken eingeliefert und dort behandelt. Das Hauptproblem ist laut Helber der sogenannte „Exit-Block“, also die Verlegung aus der Notaufnahme auf die einzelnen Stationen oder gar in andere Kliniken. Denn immer wieder fehlen Betten und Personal, und die meisten Normalstationen seien voll. Die Kliniken müssten sich immer wieder im Notfallsystem IVENA abmelden. Dadurch komme es zu langen Liegezeiten in den Notaufnahmen.
Ein weiteres Problem ist laut Helber der hohe Anteil von Patient*innen, die notfallmedizinisch gesehen eigentlich nicht in die Notaufnahmen gehören, sich selbst aber dorthin begeben – zum Beispiel, weil sie aus ihrer Sicht zu spät einen Facharzttermin erhalten. „Nehmen Sie einen Patienten mit einem therapierefraktären Sodbrennen, der erst vier Monate später einen Termin bekommt“, sagte Helber. Der Zugang zur Notaufnahme sei vergleichsweise niedrigschwellig, und vielen Patient*innen seien die vorhandenen Strukturen im Gesundheitswesen, etwa die 116 117, nicht so klar – und zwar unabhängig davon, aus welchem Kulturkreis sie stammten. Dies sei vielmehr ein Bildungsproblem, und es brauche eine „medizinische Früherziehung“, damit die Menschen wüssten, wer wann ihr passender Ansprechpartner ist.
Die Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst hingegen bewertete Helber als rundum positiv. Hier gebe es lediglich „Einzelfallprobleme“, etwa durch Fehlzuweisungen oder weil der Krankentransport nicht mehr verfügbar ist, wenn etwa ein dislozierter Dauerkatheter nach kurzer Zeit wieder eingesetzt ist. Uneinheitlich sei das Bild bei der Zusammenarbeit mit dem kassen-ärztlichen Bereitschaftsdienst und den Niedergelassenen – von „gut koordiniert“ bis „praktisch nicht existent“. Einweisungen seien teilweise unklar oder wenig sinnvoll. „Aus Sicht der Notaufnahmen würden wir uns deutlich mehr kooperative Zusammenarbeit bzw. eine bessere Koordination wünschen“, sagte Helber mit Blick auf den ärztlichen Bereitschaftsdienst und den niedergelassenen Sektor. Dennoch ist für Helber klar: „Die Versorgung bricht nicht zusammen“.
Als Ärztliche Leiter Rettungsdienst sprachen Dr. Mark Malota und PD Dr. Dominik Hinzmann über die Zusammenarbeit mit Kliniken und die Patientenservice-Nummer 116117 der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Die Notfallversorgung sei gut und stabil, und die Schnittstellen zu den Notaufnahmen funktionierten, bestätigte Malota. „Wir können allerdings froh sein, dass wir in München wohnen“, gab Hinzmann zu bedenken. Egal wo im Stadtgebiet man wohne: in fünf bis sechs Minuten sei der Rettungsdienst da, und bei der 116117 gehe immer jemand ans Telefon. Das sei nicht überall in Bayern der Fall.
Ein Problem seien allerdings nach wie vor die Krankentransporte in und die Rücktransporte aus dem Krankenhaus, gab Hinzmann zu. Dies hänge unter anderem damit zusammen, dass neue Einlieferungen und Verlegungen oft nicht gut planbar seien. Zwar betrügen die Wartezeiten derzeit „nur noch“ zwei bis vier Stunden, und nicht mehr sechs bis acht wie früher. Trotzdem trage dies zu einer belastenden Situation für die Kliniken und speziell die Notaufnahmen bei. Hinzmann kritisierte außerdem strukturelle Probleme bei den KV-Notfall- und den KV-Niedergelassenen-Systemen, die teilweise nicht gut geeignet seien, um die Notaufnahmen zu entlasten. Es falle auf, dass gerade am Freitag Nachmittag viele Patient*innen in die Notaufnahme kämen – aber nur in solche, die zentral und gut erreichbar seien. Hinzmann riet Praxen dazu, ihre Öffnungszeiten ggf. zu überdenken.
Hinzmann nannte die Schnittstellen zwischen den Sektoren ambulant, stationär und der KV als größtes Problem. „Wir müssen die Menschen so lenken, dass sie richtig versorgt werden“, sagte er. Den Bürger*innen fehle es zu häufig an Gesundheitskompetenz. Als weniger problematisch schilderte Hinzmann die Versorgung bei einem „Massenanfall von Verletzten“ mit 25 bis 30 Beteiligten wie zuletzt nach dem Anschlag auf die Ver.di-Demonstration am 12. Februar 2025 in der Seidlstraße. In einem solchen Fall würden die Patient*innen sehr gut verteilt. Die Krankenhäuser müssten lernen, „nicht sofort alles stillzulegen“ und alle Kapazitäten zu blocken, sondern gezielt auf den Einzelfall zu reagieren.
Eine Delegierte aus dem Plenum wies nach dem Vortrag darauf hin, dass Patient*innen ihrer Erfahrung nach häufig lange auf den Gängen gelagert würden, bevor sie ein Bett bekommen. Malota bestätigte, dass dies immer wieder vorkomme. Dies sei allerdings ein strukturelles Problem der Kliniken und nicht durch den Rettungsdienst lösbar. Den Kliniken riet er dazu, künftig sogenannte „Holding Areas“ aufzubauen, in denen die Menschen übergangs-weise bleiben könnten.
Der 2. Vorsitzende des ÄKBV, Dr. Andreas Schießl, bestätigte die Ausführungen seiner Vorredner vor dem Hintergrund seiner Erfahrung. Man setze viel Energie ein, um kranke Menschen von der Straße in die Kliniken zu bringen, aber dort könnten die Menschen oft nicht zügig weiterversorgt werden. „Oft ist es schon gut, wenn die Patient*innen überhaupt in einem Bett liegen“, sagte Schießl. Die zentrale Frage sei: „Wie kann man die Patient*innen steuern, und darf man das überhaupt?“
Mit der Notfallversorgung aus der Sicht der KVB und dem Referentenentwurf zum Notfallgesetz in seiner letzten Fassung von Mitte November 2025 befasste sich Gökhan Katipoglu, Leiter CoC Notdienste bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Katipoglu diagnostizierte eine hohe Belastung in allen Bereichen der Versorgung, auch in den Bereitschaftspraxen. Viele Patient*innen nützten die Notfallstrukturen ohne medizinische Dringlichkeit – einfach nur, weil sie z.B. keinen Hausarzt bzw. keine Hausärztin haben, sagte Katipoglu. Es sei daher wichtig, die Patient*innen je nach Dringlichkeit konsequent zu steuern. Die verschiedenen Sektoren müssten hier eng zusammenarbeiten.
Die Weiterleitung von Patient*innen von der 116117 an die Notrufnummer 112 und umgekehrt funktioniere grundsätzlich gut. Katipoglu berichtete unter anderem von den Pilotprojekten „in.SAN“ und „RTW akut“ in Rosenheim. Diese zeigten, dass die Ersteinschätzung gut funktioniere, aber nicht immer konsequent angewendet werde. Um die Patient*innen bei der Inanspruchnahme der Notfallversorgung besser zu steuern, sei die Ersteinschätzung zur Dringlichkeit jedoch zentral. Helfen könne dabei auch der ebenfalls in Rosenheim genutzte digitale gemeinsame Tresen zur Patientenlenkung „DispoDigital“.
„99,65 Prozent der bayerischen Bevölkerung erreichen eine Bereitschaftspraxis innerhalb 30 Minuten“, betonte Katipoglu. Bayern sei gut ausgestattet: Es gebe 133 Bereitschaftspraxen, davon 119 an oder in Kliniken. 170 Fahrzeuge der KVB befänden sich im Einsatz. Auch München sei mit Praxen und Fahrzeugen gut versorgt – was besonders angesichts der vielen Pendler*innen und Tourist*innen wichtig sei.
Katipoglu gab einen Überblick über den Referentenentwurf zum Notfallgesetz. Das geplante Gesetz sieht insgesamt eine systematische Vernetzung von KV-Notdienst (116117), Notaufnahmen und Rettungsdienst vor. Kern des geplanten Gesundheitsleitsystems sind laut Katipoglu die KVen, die die Akutfallvermittlung übernehmen sollen und digital mit den Rettungsleitstellen vernetzt werden. Die Nummer 116117 soll 24/7 telefonisch und mit Videounterstützung verfügbar sein und jeder-zeit einen aufsuchenden Dienst ermöglichen. Gleichzeitig über-nimmt sie die Funktion der Terminserviceleitstelle.
Der Referentenentwurf sieht außerdem Integrierte Notfallzentren vor: Bereitschaftspraxen sollen sich möglichst in unmittelbarer Nähe zu einer Notaufnahme befinden. Das Personal am Krankenhaus soll die Ersteinschätzung durchführen. Gesichert werden soll die notdienstliche Akutversorgung durch die KV, in Kooperation mit dem Krankenhaus. München sei insbesondere bei den Integrierten Notfallzentren in den Krankenhäusern ein Vorreiter.
Bei der anschließenden Diskussion gab es einige kritische Stimmen: Eine Delegierte bemängelte die Schaffung von Parallelstrukturen und fragte, ob es nicht besser sei, allen Patient*innen einen Hausarzt oder eine Hausärztin fest zuzuweisen. Katipoglu gab zu bedenken, dass in Deutschland die freie Arztwahl ein zentrales Patientenrecht sei. Andere Delegierte überlegten, wie die Sekundärverlegung von einem Krankenhaus in ein anderes besser funktionieren könne. Einige bemängelten die Defizite bei der Digitalisierung im stationären Bereich im Vergleich zu den Praxen. Das Entlassmanagement sei häufig „mittelalterlich“ und basiere auf Briefen, die Schnittstellen zwischen den Sektoren funktionierten schlecht.
Bei der Delegiertenversammlung wurde auch der Haushaltsjahresabschluss von 2025 vorgenommen, und die Ausschüsse berichteten von ihren Tätigkeiten. Die Ausschüsse „MFA in der Zukunft“, „Gesundheit und Umwelt“, „Weiterbildung in München“ und „Soziales und Menschenrechtsfragen“ wurden verlängert.
Stephanie Hügler
MÄA 07/2026 vom 04.04.2026