Pilotprojekt Telekonsil „Diabetischer Fuß". Gut zu(m) Fuß
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Herr Grünerbel, seit wann gibt es dieses Projekt, und wie kam es dazu?
Vor mehr als fünf Jahren haben Dr. Günter Kraus (Facharzt für Innere Medizin und Diabetologe DDG in Memmelsdorf) und ich eine Dokumentationssoftware für den diabetischen Fuß entwickelt. Ziel war es, eine interdisziplinäre Dokumentation und über ein Software-Tool auch eine interdisziplinäre Kommunikation zu ermöglichen – und damit Amputationen zu vermeiden. Das Förderprojekt hat damals auch gut funktioniert: Die Vernetzung bei den Kolleginnen und Kollegen, aber auch das Bewusstsein in der Bevölkerung für den diabetischen Fuß sind inzwischen deutlich gestiegen. Leider wurde das Projekt aber zwischendurch wieder eingestellt, weil eine solche Software natürlich einen Server braucht, der finanziert werden muss – und dafür gab es damals keine Mittel. In den folgenden Jahren haben wir immer wieder versucht, Sponsor*innen und Interessierte zu finden. Schließlich ergab sich eine neue Möglichkeit über die Softwarefirma Monks – Ärzte im Netz GmbH, die bereits erfolgreich das Pädiatrie-Konsil PädExpert betreibt. Und auch die Betriebskrankenkassen hatten Interesse, ein Telekonsil für Hautbefunde beziehungsweise den diabetischen Fuß einzurichten. Im aktuellen Pilotprojekt arbeiten die Betriebskrankenkassen über die GWQ Service Plus GmbH mit dem Bayerischen Hausärzteverband, der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), dem Berufsverband der Deutschen Dermatologen, den jeweiligen Abrechnungsgesellschaften und dem Fußnetz Bayern zusammen.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Wir haben gesehen, dass bei der Fußbehandlung an verschiedenen Ecken Befunde erhoben werden, von denen die Behandler*innen oder die Weiterbehandler*innen oft keine Ahnung haben. Viele wissen einfach nichts voneinander, oder sie kommunizieren nicht miteinander. Statt-dessen wird an jeder Ecke ein Haufen Papier generiert. Wir haben gesehen, dass wir ganz dringend eine gemeinsame Wundakte brauchen. Früher gab es dazu mal die Idee einer „Papierlösung“, aber wir haben gesehen, dass eine digitale Variante erfolgversprechender ist. Zu viele Patient*innen vergessen ihre Befunde zu Hause oder verlieren sie, und dann ist die Information verloren.
Wie funktioniert das Telekonsil?
Hausärztinnen und Hausärzte können beim Projekt Hautbefunde oder Befunde zu Fußwunden einfach per Foto und einem zweiseitigen Anamnesebogen über das Software-Tool hochladen und so weitergeben. Dafür erhalten sie auch eine Vergütung. Sie „schicken“ ein Bild ins System und bekommen fachärztliche Expertise mit konkreten Handlungsempfehlungen zurück. Damit können wir Zeit sparen und einen niederschwelligen Zugang zu fachärztlicher Beurteilung schaffen, damit pathologische Befunde schneller fachärztlich beurteilt und richtig behandelt werden. Die Software steuert dabei die Weiterleitung automatisch: Wird „Diabetes“ angekreuzt und liegt die Wunde unterhalb des Knöchels, geht die Anfrage an eine diabetologische Fußambulanz. Oberhalb des Knöchels geht sie an die teilnehmenden Dermatologinnen und Dermatologen.
Sie sagten, die Idee ist schon älter. Wie lange hat es gedauert, bis das aktuelle Projekt starten konnte?
Über eineinhalb Jahre hinweg hatten wir sehr komplizierte Vertragsverhandlungen, die hauptsächlich von der Firma Monks geführt wurden. Wir wollten Teilnehmende gewinnen und mussten Abrechnungsmodalitäten klären, damit sowohl die beteiligten Hausärzt*innen als auch die Fachärzt*innen ihr Geld bekommen. Da es sich um das erste vollständig bundesweit aktive Telekonsil handelt, das Haus- und Fachärzt*innen einbezieht, war das für uns alle Neuland. Es war nicht einfach, alle unter einen Hut zu bekommen.
Wie ist der aktuelle Stand des Projekts?
Ursprünglich sollte es am 1. Juli 2024 starten. Es wurde aber wegen nicht funktionierender Abrechnungsmodalitäten noch einmal gestoppt. Offiziell läuft das Projekt nun seit dem 1. Juli 2025. Aktuell ist es als Pilotprojekt angelegt. Und zunächst können nur Versicherte der Betriebskrankenkassen mitmachen, deren Hausärztinnen und Hausärzte am hausarztzentrierten Versorgungsmodell (HZV) teilnehmen. Das führt natürlich zu Startschwierigkeiten, da nicht alle Hausärzt*innen im HZV eingeschrieben und nicht alle Patientinnen und Patienten bei einer BKK versichert sind. Zudem braucht es immer Zeit, bis Hausärztinnen und -ärzte alte Behandlungspfade verlassen und neue Angebote aktiv nutzen. Deshalb ist Öffentlichkeitsarbeit so wichtig. Langfristig möchten wir das Projekt bundesweit und auch mit anderen Krankenkassen realisieren.
Mit welchem Argument konnten Sie die Betriebskrankenkassen von dem Projekt überzeugen? Was ist das zentrale Ziel?
Das Ziel – insbesondere im Bereich des diabetischen Fußes – ist klar: Heilungsverläufe deutlich zu verkürzen und Amputationen zu vermeiden. Aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen leider wieder steigende Amputationsraten beim diabetischen Fuß. Umso wichtiger ist es, dass wir alle frühzeitig auch die fachärztliche Expertise einbinden.
Warum steigt die Zahl der Amputationen Ihrer Meinung nach?
Zum einen gibt es mehr Menschen mit Diabetes und mit potenziellen Wunden. Zum anderen wird die hausärztliche Versorgung in Deutschland zunehmend dünner. Viele kassenärztliche Praxen können nicht nachbesetzt werden. Es gibt auch immer weniger spezialisierte Einrichtungen für den diabetischen Fuß. Für die Menschen wird es so schwieriger, einen Zugang zur Behandlung zu finden, und daher behandeln viele Patient*innen ihre Wunden oft lange Zeit selbst. Wenn sie dann endlich bei uns vorgestellt werden, sind die Wunden oft so schlimm, dass eine Amputation notwendig wird, obwohl es ursprünglich kein so großes Problem war.
Wie genau läuft ein solches Telekonsil ab?
Stellt z.B. eine Hausärztin bei einer Patientin mit Diabetes eine Fußwunde fest, ist sie selbst beim Hausarzt-zentrierten Versorgungsmodell ein-geschrieben und ist die Patientin bei der BKK versichert, kann die Hausärztin die Patientin über die Plattform anmelden (https://www.hausarzt-konsil.de). Sie fotografiert die Wunde, ergänzt – wenn vorhanden – Befunde wie Durchblutungsmessungen oder Laborwerte, füllt einen kurzen Anamnesebogen aus und lädt alles hoch. Dann kann sich der Facharzt ein besseres Bild machen. Am Ende gibt sie noch an, ob es dringend ist – ob sie eine Antwort inner-halb von 24 Stunden oder innerhalb von drei Tagen benötigt. Die Anfrage geht dann automatisch an die nächstliegende Fußambulanz oder den nächstliegenden Dermatologen. Der Facharzt erhält eine Nachricht per Mail, prüft die Unterlagen und gibt eine Empfehlung zurück – etwa zur weiteren Behandlung, zu Verbandsmaterialien oder zu notwendigen Zusatzuntersuchungen wie einer Durchblutungsmessung.
Gab es bereits konkrete Fälle?
Ich habe bis jetzt nur ein Konsil geschickt bekommen und die Kolleg*innen ebenfalls. Deshalb möchten wir diese Möglichkeit auch bekannter machen. Aber ja, es hat gut funktioniert. In diesem Fall konnte ich eine konkrete Therapieempfehlung geben, und eine weitere Intervention wegen der Wunde war nicht nötig. So wird viel Zeit gespart. Das ist entscheidend. Denn in Deutschland dauert es im Schnitt fast neun Monate, bis eine solche Wunde fachärztlich behandelt wird, während es in England nur neun oder zehn Tage sind!
Wie wird der zusätzliche Aufwand für Hausärzt*innen vergütet?
Die Hausärztinnen und Hausärzte erhalten automatisch Geld über die Abrechnungsgesellschaft der HZV, allein durch das Ausfüllen des Bogens. Es ist keine zusätzliche Abrechnungsziffer nötig. Die Vergütung liegt bei 45 Euro. Parallel wird das Pilotprojekt übrigens auch evaluiert. Das übernimmt die Softwarefirma, die die Daten anonymisiert zur Verfügung hat. Wir hoffen sehr, dass noch mehr Kolleg*innen und Patient*innen teilnehmen. Soweit ich weiß, hat die BKK in Bayern ca. zwei Millionen Versicherte. Bei etwa 10 Prozent Menschen mit Diabetes wären dies potentiell etwa 20.000 Patient*innen, die teilnehmen könnten. Es könnten also durchaus vier bis fünf Konsile pro Woche werden.
Welche Rolle spielt das Fußnetz Bayern?
Alle teilnehmenden Ambulanzen sind dort Mitglieder. Neben den Ambulanzen gibt es im Fußnetz Bayern auch Gefäßchirurg*innen, Angiolog*innen, interventionelle Radiolog*innen, Orthopädieschuhmacher*innen, Podolog*innen sowie Pflegedienste. Gerade beim diabetischen Fuß ist es entscheidend, dass alle Beteiligten vernetzt sind und Informationen nicht verloren gehen. Es ist zum Beispiel wichtig, dass die Patient*innen zur Entlastung Verbandsschuhe erhalten und zur Rezidivprophylaxe eine adaptierte Fußbettung und einen Diabetes-Therapieschuh. Auch die Rolle der Podolog*innen ist nicht zu unterschätzen: Sie begutachten regelmäßig die Füße, tragen Verhornungen ab und sagen im Zweifelsfall Bescheid, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Langfristig planen wir ein erweitertes Dokumentationssystem („Fuß Connect“), in dem auch nicht-ärztliche Berufsgruppen Befunde einstellen oder Fragen stellen können, zum Beispiel auch Pflegedienste. Denn um langfristig Amputationen zu vermeiden, müssen alle Beteiligten Befunde einsehen und sich melden können. Dafür braucht es allerdings eine gesicherte Finanzierung, z.B. durch interessierte Krankenkassen oder andere Fördergelder.
Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?
Unsere Hoffnung ist, dass künftig möglichst viele Hausärzt*innen und Patient*innen teilnehmen – zunächst in Bayern, aber am besten auch bundesweit. Und dass das Pilotprojekt auf weitere Krankenkassen ausgeweitet wird. Langfristig möchten wir außerdem auch die anderen Berufsgruppen einbinden. Denn am Ende profitieren die Patient*innen nur, wenn keine Informationen mehr verloren gehen.
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 06/2026 vom 21.03.2026