"Zero Separation" in der Neonatologie. Hautnah ins Leben starten
Foto: Klinikum Dritter Orden
Herr Dr. Rößlein, wie kam es bei Ihnen im Klinikum zum Konzept „Zero Separation“?
Eine Kollegin, die bei uns als Projektleiterin ein Feinkonzept zur Pflege entwickelt, hat auf einer Fortbildung Kolleg*innen aus Schweden, vom Karolinska University Hospital, getroffen, die schon länger mit diesem Konzept arbeiten. Dabei werden Neugeborene – insbesondere Frühgeborene – nach einem Kaiserschnitt direkt auf den Eltern liegend versorgt – auch, wenn das Frühgeborene intensivmedizinische Maßnahmen benötigt. Als wir uns genauer damit beschäftigt haben, waren wir überrascht, wie klar die Empfehlungen dafür aus den Studien sind: Ab einem Geburtsgewicht von etwa 1.000 Gramm profitieren die Kinder deutlich davon – und das Konzept gilt als sicher – sowohl für das Kind als auch für die Mutter.
Seit wann setzen Sie es um?
Seit dem vergangenen Sommer haben wir uns schrittweise an die neue Vorgehensweise herangetastet – zunächst bei „reifen“ Neugeborenen, die zum Beispiel wegen angeborener Herzfehler zu uns auf die Station kamen. Normalerweise werden diese Kinder nach der Geburt auf das Wärmebett gelegt, bevor wir sie stationär versorgen. Der Vater darf zunächst zu seinem Kind meistens nur kurz „hallo“ sagen und Fotos machen. Wir haben uns gefragt: Was spricht eigentlich dagegen, das Kind direkt auf die Brust der Mutter zu legen, und dann gemeinsam mit ihr auf die Station zu fahren? Die Resonanz war überwältigend – sowohl bei den Eltern als auch bei den Mitarbeitenden.
Nach und nach haben wir dann auch die Frühgeborenen einbezogen und insbesondere die Väter gefragt, ob sie sich zutrauen würden, ihr Kind zu stabilisieren, solange die Mutter noch im OP bzw. im Aufwachraum liegt. Die meisten Frühgeborenen kommen ja durch einen Kaiserschnitt zur Welt, und die Mutter ist zunächst noch geschwächt bzw. muss erst wieder aus der Narkose aufwachen. Während dieser Zeit wissen die meisten Väter gar nicht, was sie tun dürfen oder sollen. Sie sehen nur ihr frühgeborenes, „verkabeltes“ Kind und fühlen sich sehr hilflos. Das Kind ist so klein. Die meisten haben zunächst Angst, es zu berühren. Beim Konzept „Zero Separation“ bekommen sie aber eine konkrete Aufgabe: Sie halten ihr Kind, und man merkt, dass sie dadurch ruhiger werden. Und wir alle haben den Eindruck, dass auch die Kinder sehr gut darauf reagieren, sich stabilisieren und insgesamt ruhiger sind.
Ist das kein hohes Risiko für die Kinder?
Die ersten derart von uns versorgten Kinder wurden etwa in der 34. Schwangerschaftswoche geboren. Bei ihnen weiß man, dass kein hohes Risiko bei der Erstversorgung besteht. Zudem haben wir immer eine Wärmeeinheit in unmittelbarer Nähe, sodass man die Art der Versorgung jederzeit verändern könnte. Aber das war bisher nie nötig. Die Eltern haben das Angebot sehr gut angenommen, und die Väter bekamen dadurch einen ganz anderen Zugang zu ihrem Kind.
Wie kann man sich das konkret vorstellen? Sitzt der Vater dabei, oder liegt er?
Wir benutzen sogenannte „Känguruhstühle“, wie sie auf vielen Geburts- und Neugeborenenstationen üblich sind. Das sind fahrbare Liegestühle, die man gut positionieren kann. Die Eltern liegen darin leicht zurückgelehnt – ein bisschen wie beim Zahnarzt. Wichtig ist, dass sie vorher ihr Oberteil ausziehen, denn entscheidend ist der direkte Haut-zu-Haut-Kontakt. Das Kind liegt direkt auf der nackten Brust und wird dort gehalten und versorgt.
Bei den Frühgeborenen kommt der Vater nach dem Kaiserschnitt entweder schon mit dem Kind aus dem OP, oder er setzt sich draußen auf den Känguruhstuhl, und das Kind wird ihm gebracht. Dort erhält es dann, wenn nötig, zum Beispiel eine Maskenbeatmung oder einen Zugang. Wir warten dann gemeinsam, bis die Mutter aufwacht, legen ihr das Kind auf die Brust und fahren gemeinsam mit ihr als „Shuttle“ auf die Station.
Wie ist der Stand heute? Werden auch intensivpflichtige Kinder so versorgt?
Ja, inzwischen schon. Vor Kurzem hatten wir zum Beispiel Zwillinge, die kurz nach der 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Diese Frühgeborenen sind zwar noch sehr klein, aber es besteht kein Hochrisiko wie bei extrem unreifen Kindern unter 800 Gramm, bei denen wir mit einer Intubations- und Beatmungspflicht rechnen müssen. Solche kritisch instabilen Kinder versorgen wir aktuell noch nicht mit diesem Konzept. Aber bei Kindern, die wir z.B. wegen Atemnot minimalinvasiv nach der LISA-Methode (Less Invasive Surfactant Administration) behandeln und die über einen Katheter Surfactant erhalten, funktioniert es sehr gut. Auch das Legen von Zugängen oder eine nicht-invasive Beatmung ist möglich. Für Hochrisiko-Kinder gelten aktuell allerdings noch andere Empfehlungen.
Auf welche Studien stützen sich die Empfehlungen?
Die Studien stammen aus der ganzen Welt, viele auch aus Ländern mit niedrigem Einkommen. Die WHO hat sie zusammengefasst. Zwei große Studien wurden sogar vorzeitig abgebrochen, weil die Kontrollgruppe – also die Kinder, die auf den Eltern versorgt wurden – derart signifikant bessere Ergebnisse zeigte. Es gibt inzwischen auch eine Cochrane-Analyse, die den frühen Haut-kontakt nach der Geburt klar empfiehlt. Schweden ist hier in Europa sicher ein Vorreiter bei der familienzentrierten Versorgung, aber belastbare Daten hierzu kommen auch aus Südafrika, China, den USA, Norwegen und anderen Ländern.
Woran merken Sie konkret, dass auch die Eltern profitieren?
Bei den Vätern wie bei den Müttern fällt mir immer wieder auf, wie beruhigend dieses Vorgehen auf sie wirkt. Nach dem Kaiserschnitt kommen viele Mütter wegen der Narkose, der Hormonumstellung und des Wärmeverlusts zitternd aus dem OP-Saal. Legt man ihnen dann das Kind auf die Brust, beruhigen sie sich oft schon auf dem Weg zur Station. Die Kinder schlafen während der Versorgung sogar teilweise ein. Sie schreien weniger und wirken insgesamt entspannter. Das ist momentan nur unser subjektiver Eindruck, aber wir alle beobachten das sehr konsistent.
Wird das Zero-Separation-Konzept nur nach Kaiserschnitt angewandt?
Bisher ja, weil Frühgeborene einfach sehr häufig per Kaiserschnitt entbunden werden. Mein Ziel ist es aber, das Konzept auch bei vaginalen Geburten direkt im Kreißsaal umzusetzen, nicht nur wie bisher im Reanimationsraum. Dafür müssen wir allerdings unsere Technik und unser Vorgehen noch weiterentwickeln.
Gibt es Ausschlusskriterien?
Das Konzept ist sehr personalintensiv. Daher brauchen wir bei der Planung etwas zeitlichen Vorlauf, was wir bei einem Kaiserschnitt oft haben. Aktuell bieten wir dieses Vorgehen vor allem tagsüber unter der Woche an, vereinzelt auch nachts – je nachdem, wieviel Personal uns zur Verfügung steht. Denn wenn die Mutter mit auf die Station kommt, muss sie zusätzlich überwacht wer-den. Und dafür brauchen wir genügend Personal.
Bedeutet diese Vorgehensweise nicht einen erheblichen Mehraufwand für das Team – und damit auch Mehrkosten für die Klinik?
Ja, organisatorisch gibt es schon mehr zu tun. Aber die Eltern sind so dankbar, und die Resonanz der Eltern und der Kinder ist so positiv. Wir alle spüren, wie sehr das Vorgehen den Familien und den Kindern hilft und wie gut es angenommen wird. Und wenn wir diese Begeisterung spüren, motiviert dies wiederum uns. Normalerweise sind Neuerungen in der Medizin nicht so einfach zu implementieren. Aber hier können wir mit einer relativ einfachen Maßnahme und ohne neue Geräte oder Medikamente viel erreichen. Das hat mich total überrascht.
Gab es anfangs auch Vorbehalte oder Zweifel im Team oder bei den Eltern?
Für das Team war es zunächst eine Herausforderung, unter den Augen der Eltern zu arbeiten. Man hat nicht mehr „seine Ruhe“, und das erfordert zunächst Überwindung. Aber damit müssen wir Kinderärzt*innen ja immer leben, dass die Eltern bei vielen Maßnahmen dabei sein möchten und müssen. Natürlich ist das nicht immer angenehm, wenn etwas zum Beispiel nicht auf Anhieb klappt. Aber ich habe damit bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich habe es noch nicht erlebt, dass jemand diese Art der Versorgung abgelehnt hat. Im Gegenteil: Viele Väter sind sehr dankbar, eine aktive Rolle zu bekommen. Für sie ist dies oft viel leichter als nur hilflos daneben zu stehen. Zur Information der Eltern haben wir mittlerweile auch einen Flyer entwickelt.
Wie lange bleiben die Kinder auf der Brust der Eltern?
In der Regel mehrere Stunden. Auch später, auf der Station, lassen wir die Kinder oft bis zu drei Stunden bei der Mutter. Es gibt kein Zeitlimit. Die Geburtshilfe kommt zu uns auf die Station, um den Gesundheitszustand der Mutter zu kontrollieren. Nicht dringliche Maßnahmen verschieben wir. Bisher mussten wir noch keine Versorgung abbrechen, weil ein Elternteil nicht mehr mitmachen wollte.
Wie geht es mit dem Projekt weiter?
Wir möchten das Konzept Zero Separation langfristig standardmäßig bei allen Kindern anwenden. Alle unsere Mitarbeitenden sollen darin geschult werden, sodass es zur Routine wird. Langfristig denken wir auch darüber nach, die Versorgung bereits im OP auf der Mutter durchzuführen. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Der nächste Schritt ist für uns die Umsetzung im Kreißsaal bei vaginalen Geburten.
Dieses Gespräch führte Stephanie Hügler
MÄA 02/2026 vom 24.01.2026